Der erste Minnesänger

Luise Büchner

1862

“Blanka, Blanka von Kastilien, Herrscherin ob Frankreichs Lilien, Rein wie sie und kalt wie Schnee! Streng und ernst siehst du mein Minnen, Keinen Blick selbst kann gewinnen Meiner Liebe tiefes Weh!”

Thibaut von Navarras Klagen Sinds, die so allnächtlich tragen Stille Lüfte durch die Au. All sein Sinnen, all sein Streben Hat er ihr dahin gegeben, Dieser königlichen Frau.

Aber wie der Mond die Bahnen Ziehet, ohne nur zu ahnen Erdenleid, so geht sie her; Lebt in Ludwig ganz, dem Sohne; Den einst schmückt des Heilgen Krone - Und sein Lieben wird stets mehr!

Was dem Mann sonst dünkt das Beste, Kriegsgetümmel, Schlacht und Feste Flieht er wie ein scheues Wild; Keine Wunde kann er schlagen, Im Gefecht, beim wildsten Jagen Steht vor ihm ihr süßes Bild. -

Sprach ein Greis zum Vielgetreuen: “Soll dein Gram nicht sich erneuen, Stets, so folge meinem Wort; Liebe gleicht des Südens Blüte, Treibt im innersten Gemüte Unaufhaltsam, ewig fort!

Kannst sie nicht zum Tod bekämpfen, Aber ihre Schmerzen dämpfen In des Schönen Zauberreich; Nimm den Griffel, nimm die Laute Und, was dir dein Gram vertraute, Ström es aus in Liedern reich!

Nur zum Ruhm der Heldensprossen Hat sich Wort und Ton ergossen, Ungefügig oft und rau. Rühre du die sanftren Saiten, Sing der Seele Lust und Leiden, Trag dein Weh im Preis der Frau!”

Und Navarras König lauschet, Mit dem Schwert die Leier tauschet - Ward gesund durch Lied und Ton. Doch seitdem Gedicht und Singen, Liebe wecken, Liebe bringen Und ist Lieb ihr schönster Lohn!

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Illustration zu Der erste Minnesänger

Interpretation

Das Gedicht "Der erste Minnesänger" von Luise Büchner erzählt die Geschichte des Thibaut von Navarra, der unglücklich in die Königin Blanka von Kastilien verliebt ist. Thibaut beklagt seine tiefe Liebe zu Blanka, die so rein und kalt wie Schnee ist und seine Zuneigung nicht erwidert. Er singt seine Klagen in die stille Nacht hinaus, wobei er all seine Gedanken und Bestrebungen dieser königlichen Frau gewidmet hat. Die Erzählung verdeutlicht, dass Blanka, ähnlich wie der Mond, der seine Bahnen zieht, ohne das Leid auf Erden zu ahnen, in ihrem Sohn Ludwig ganz aufgeht. Ludwig wird eines Tages die Heiligenkrone schmücken, und seine Liebe wird stetig wachsen. Thibaut hingegen flieht vor allem, was Männern sonst als das Beste gilt, wie Krieg und Feste, und selbst im Kampf oder bei der Jagd steht ihm das Bild seiner geliebten Blanka vor Augen. Ein weiser Greis rät Thibaut, seinen Kummer durch Lied und Poesie zu lindern. Er vergleicht die Liebe mit der Blüte des Südens, die im Innersten des Gemüts unaufhaltsam und ewig wächst. Thibaut wird geraten, seine Schmerzen in der Schönheit zu dämpfen und seine Kummer in reichen Liedern auszudrücken. Er soll die sanfteren Saiten berühren, die Seele in Lust und Leiden besingen und sein Weh im Lob der Frau tragen. Thibaut folgt diesem Rat, tauscht das Schwert gegen die Leier und findet Heilung durch Lied und Ton. Seitdem bringen Poesie und Gesang Liebe hervor, und die Liebe ist ihr schönster Lohn.

Schlüsselwörter

liebe blanka kann weh navarras all frau stets

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Stilmittel

Alliteration
[Kriegsgetümmel, Schlacht und Feste Scheues Wild Schmerzen dämpfen Schönsten Lohn]
Enjambement
[Blanka, Blanka von Kastilien, Herrscherin ob Frankreichs Lilien, Rein wie sie und kalt wie Schnee! Lebt in Ludwig ganz, dem Sohne; Den einst schmückt des Heilgen Krone - Und sein Lieben wird stets mehr!]
Hyperbel
[Meiner Liebe tiefes Weh Stets, so folge meinem Wort]
Metapher
[Herrscherin ob Frankreichs Lilien Liebe gleicht des Südens Blüte]
Parallelismus
[All sein Sinnen, all sein Streben Liebe wecken, Liebe bringen]
Personifikation
[Stille Lüfte durch die Au]
Symbolik
[Frankreichs Lilien Des Heilgen Krone]
Vergleich
[Rein wie sie und kalt wie Schnee Liebe gleicht des Südens Blüte]