Der Eroberer Wurm

Edgar Allan Poe

1843

Im Weltenraum ist Galanacht. Im Theater sitzt gedrängt Eine Engelschar in Festestracht, Verschleiert, zährendurchtränkt, Und lauscht einem wechselvollen Stück, Wo Furcht und Hoffen sich drängt, Dieweil im Orchester Sphärenmusik Sich langsam hebt und senkt.

Gottähnliche Mimen murmeln leis Den Text und kommen und gehn Auf großer, formloser Wesen Geheiß, Die in den Kulissen stehn, Mit ernsten Gebärden, feierlich stumm Die Wände schieben und drehn, Und mit ihren Flügeln ins Publikum Unsichtbares Leiden wehn.

Dies Drama, wechselvoll, fieberisch, Es bleibt der Welt unverkürzt, Mit einem scheckig bunten Gemisch Von Tollheit und Sünde gewürzt, Dahinter sich eitel Elend und Graus Zum verworrenen Knoten schürzt, Und ein Phantom sich unter Applaus Ins leere Dunkel stürzt.

Doch sieh! eine Form aus ekler Brut Schleicht in den Mimenknäul - Ein kriechendes Untier, rot wie Blut, Das sich windet und windet, dieweil Es nach und nach die Mimen verzehrt Unter der Opfer Geheul, Und die Engelschar ein Schauder durchfährt Ob der unendlichen Greu′l.

Aus sind die Lichter - ausgeweht; Mit der Wucht eines Sturmes fällt Der Vorhang, ein Leichentuch, sternbesät, Über das bretterne Zelt. Die Engel erheben sich abgespannt Und erklären der bangen Welt, Daß die Tragödie »Mensch« benannt Und Eroberer »Wurm« ihr Held.

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Illustration zu Der Eroberer Wurm

Interpretation

Das Gedicht "Der Eroberer Wurm" von Edgar Allan Poe ist eine düstere Allegorie über die menschliche Existenz und den unausweichlichen Tod. Es beginnt mit einer Szene im Theater, wo eine Engelschar einem Stück beiwohnt, das von den Höhen und Tiefen des Lebens erzählt. Die "gottähnlichen Mimen" spielen die Rollen, während unsichtbare Kräfte das Geschehen lenken und die Zuschauer mit Leid erfüllen. Das Drama ist geprägt von Wahnsinn, Sünde und Elend, bis schließlich ein Phantom ins Dunkel stürzt. Die Handlung nimmt eine dramatische Wendung, als ein roter Wurm, ein Symbol für den Tod oder das Böse, auf die Bühne kriecht und die Mimen verschlingt. Die Engel sind entsetzt über dieses unendliche Grauen. Das Stück endet mit dem Fall des Vorhangs, der wie ein Leichentuch über das Theater gebreitet wird. Die Engel verkünden der Welt, dass die Tragödie "Mensch" heißt und der Eroberer, der Held des Stücks, der Wurm ist - eine Anspielung darauf, dass der Tod am Ende immer siegt. Poe nutzt das Theater als Metapher für das Leben, wobei die Mimen die Menschen und der Wurm den Tod oder das Böse darstellen. Das Gedicht reflektiert über die Vergänglichkeit des Lebens und die Unausweichlichkeit des Todes. Es ist eine düstere Meditation über die menschliche Existenz, die zeigt, dass am Ende alle menschlichen Bemühungen und Leistungen vom Tod überwunden werden. Die Tragödie des Lebens ist, dass der Tod, symbolisiert durch den Wurm, am Ende immer der Sieger ist.

Schlüsselwörter

engelschar dieweil mimen welt windet weltenraum galanacht theater

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Stilmittel

Metapher
ein Leichentuch, sternbesät
Personifikation
die Tragödie »Mensch« benannt und Eroberer »Wurm« ihr Held