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Der Eremit

Von

Dem stürmischen Geräusch der schnöden Welt entrissen
In diesem finstern einsamen Hayn,
An den Gedankenreichen Flüssen
Will ich mich ganz der Weisheit weihn.
Von keinem eitlen Wahn bethört,
Von tummen Narren nicht beschwert
Soll mich die ernste Stille lehren – –
Mein Glas in frohen Zügen leeren.

Dem kritischen Geschwätz der neidschen Welt entrissen,
Im Feld, im Thal, im schattichten Hayn,
An diesen blumenreichen Flüssen
Will ich mich der Natur ganz weihn.
Wenn iezt die Sonn im Majestät
Dort auf, der Mond hier untergeht,
So lehr die Flucht der Zeit mich schließen –
Jetzt sey es Zeit, mein Mädchen zu küssen.

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Gedicht: Der Eremit von Christian Felix Weiße

Kurze Interpretation des Gedichts

Das Gedicht „Der Eremit“ von Christian Felix Weiße zeichnet ein Bild der Sehnsucht nach Rückzug und Kontemplation, um dann überraschend in einem Bekenntnis zur sinnlichen Welt zu münden. Im ersten Teil artikuliert der Ich-Erzähler den Wunsch, sich von den Turbulenzen der „schnöden Welt“ zu distanzieren und in der Einsamkeit der Natur, in der Gesellschaft von Gedankenreichen Flüssen und im Schoß der Weisheit, Ruhe zu finden. Er möchte sich der Welt entziehen, frei von „eitlen Wahn“ und den „tummen Narren“ der Gesellschaft, um in der Stille zu lernen und sein „Glas in frohen Zügen zu leeren“, was auf Genuss und Erleichterung hinweist.

Der zweite Teil wiederholt die Abkehr von der Welt, diesmal unter dem Vorzeichen des „kritischen Geschwätz“ und des Neides. Der Eremit wiederholt seine Sehnsucht nach der Natur, diesmal eingebettet in die malerischen Landschaften des „Felds, des Thals und des schattichten Hayns“. Die Formulierung betont die unmittelbare Erfahrung der Natur, die Beobachtung des Sonnenaufgangs und des Monduntergangs, die ihn an die „Flucht der Zeit“ erinnern. Hier zeigt sich die Vergänglichkeit und die Notwendigkeit, die gegenwärtigen Freuden zu nutzen.

Der unerwartete Wendepunkt des Gedichts ist der letzte Vers: „Jetzt sey es Zeit, mein Mädchen zu küssen.“ Dieser Satz durchbricht die meditative Stimmung und wandelt die introspektive Suche nach Weisheit und Naturerfahrung in eine Feier der Liebe und des sinnlichen Genusses. Der Eremit, der sich der Stille und dem Rückzug verschrieben hat, wird plötzlich von der Sehnsucht nach menschlicher Nähe und körperlicher Intimität erfasst. Dieser Bruch ist das Kernstück des Gedichts und deutet auf eine innere Ambivalenz hin: die Zerrissenheit zwischen dem Wunsch nach Abgeschiedenheit und der Sehnsucht nach Liebe und Lebendigkeit.

Das Gedicht offenbart somit eine subtile Kritik an der übertriebenen Askese und an der Flucht vor den Freuden des Lebens. Weiße präsentiert das Bild eines Menschen, der sowohl die Tiefe des Geistes als auch die Freuden der Sinne zu schätzen weiß. Die Natur wird nicht nur als Ort der Kontemplation, sondern auch als Inspirationsquelle für die Liebe gesehen. Die abschließende Zeile stellt eine positive Wertung des gegenwärtigen Moments dar und signalisiert die Akzeptanz der menschlichen Natur mit all ihren Bedürfnissen und Leidenschaften.

Weitere Informationen

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Lizenz und Verwendung

Dieses Gedicht fällt unter die „public domain“ oder Gemeinfreiheit. Gemeinfreiheit bedeutet, dass ein Werk nicht (mehr) durch Urheberrechte geschützt ist und daher von allen ohne Erlaubnis des Urhebers frei genutzt, vervielfältigt und verbreitet werden darf. Sie tritt meist nach Ablauf der gesetzlichen Schutzfrist ein, z. B. 70 Jahre nach dem Tod des Autors. Weitere Informationen dazu finden sich hier.