Der Eremit und das Glück

Friedrich von Hagedorn

1724

Es lebt ein Eremit, der, eitlem Zwange feind, Die Kunst der schlauen Wollust lernet, Die keine Mühe kennt, vom Ekel weit entfernet, Nach dem Genusse schöner scheint.

Verzeiht es mir, erhabne Musensöhne, Für die schon unsre Pflicht den Lorbeerkranz bestellt, Mein Held ist kein gelehrter Held; Und er besaß auf dieser Welt Nichts, als ein Buch, ein Glas, und eine Schöne. Doch diese drei, ihn zu erfreun, Sind, wie man sagt, nur selten ungelesen, Unangefüllt, und ungeküßt gewesen. Er lebet. Wie gar viel schließt dieses Wort nicht ein! Ihr Weisen, saget mir, heißt leben mehr, als sein?

Ihn hält ein Schieferdach vor Neid und Hohn verstecket. Einst, als er unbesorgt bei seiner Phyllis saß, Und so die Welt, wie ihn die Welt vergaß, Ward er um Mitternacht durch einen Lärm geschrecket. Man klopft an seine Thür. Er horcht. Wer ist′s? Das Glück. Macht auf! ich bin es selbst. Ihr selbst? Wer darf es wagen, Wer ist so groß, nur einen Augenblick Dem Glück, und was ihm folgt, die Einkehr abzuschlagen? Ihr zögert? macht uns auf! Der Eremite spricht: Geht weiter, Freund, ich kenn′ euch nicht, Die Herberg ist zu klein, zu schlecht, euch zu empfangen.

Ruhm, Ehre, Hoheit sind bei mir, Erwiderte das Glück; sie kommen jetzt zu dir. Das ist mir wahrlich leid; es ist kein Platz allhier. Bewirthe doch zum mindsten das Verlangen.

Auch dieses wird, versetzt der Biedermann, Hier diese Nacht kein Lager kriegen; Man trifft ein einzig Bett hier an; Und das gehöret dem Vergnügen.

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Illustration zu Der Eremit und das Glück

Interpretation

Das Gedicht "Der Eremit und das Glück" von Friedrich von Hagedorn erzählt die Geschichte eines Eremiten, der ein Leben der Muße und der Wollust führt, ohne sich um die Werte und Errungenschaften der Gesellschaft zu kümmern. Der Eremit lebt in einer einfachen Hütte mit nur einem Buch, einem Glas und einer schönen Frau, die er liebt. Er scheint zufrieden mit seinem Leben und fragt sich, ob es mehr im Leben gibt als nur zu existieren. Eines Nachts wird der Eremit durch einen Lärm geweckt und erfährt, dass das Glück vor seiner Tür steht. Das Glück bietet ihm Ruhm, Ehre und Hoheit an, aber der Eremit lehnt ab, da er keinen Platz für diese Werte in seinem Leben hat. Er erklärt, dass sein Bett nur dem Vergnügen gehört und er nicht bereit ist, das Glück oder seine Begleiter aufzunehmen. Das Gedicht wirft Fragen nach dem Sinn des Lebens und dem Wert von Ruhm, Ehre und Hoheit auf. Es zeigt, dass der Eremit ein einfaches Leben führt, das auf Vergnügen und Muße basiert, und dass er nicht bereit ist, diese Werte gegen die Errungenschaften der Gesellschaft einzutauschen. Das Gedicht fordert den Leser auf, über die Bedeutung von Glück und Zufriedenheit nachzudenken und ob es mehr im Leben gibt als nur zu existieren.

Schlüsselwörter

kein welt glück held macht selbst lebt eremit

Wortwolke

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Stilmittel

Alliteration
Verzeiht es mir, erhabne Musensöhne
Anapher
Wer ist es? Das Glück. Macht auf! ich bin es selbst
Direkte Rede
Bewirthe doch zum mindsten das Verlangen
Hyperbel
Und er besaß auf dieser Welt nichts, als ein Buch, ein Glas, und eine Schöne
Kontrast
Ihn hält ein Schieferdach vor Neid und Hohn verstecket
Metapher
Und das gehöret dem Vergnügen
Personifikation
Ruhm, Ehre, Hoheit sind bei mir
Rhetorische Frage
Ihr Weisen, saget mir, heißt leben mehr, als sein?