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Der Entschluß

Von

Ja ja, der Trauben Gott allein
Will ich die besten Stunden weihn:
Ich fühlte gnug der Liebe Plagen,
Kommt Brüder, helft mir sie verjagen.

So sang ich; Brüder sangen drein:
»Was ist die Liebe gegen Wein?
Ein Auge gegen eine Rebe.
Es sterbe Venus! Bacchus lebe!«

So recht! fieng jeder an zu schreyn!
Trotzt alle – – Chloe trat herein.
Ich schwieg: mir bebten alle Glieder,
Und schamvoll beugten sich die Brüder.

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Gedicht: Der Entschluß von Christian Felix Weiße

Kurze Interpretation des Gedichts

Das Gedicht „Der Entschluß“ von Christian Felix Weiße ist eine humorvolle und pointierte Auseinandersetzung mit der Unbeständigkeit menschlicher Vorsätze und der Macht der Liebe. Es beginnt mit einem vermeintlichen Entschluss des lyrischen Ichs, sich ganz dem Weingenuss und Bacchus, dem Gott des Weines, zu widmen, nachdem es genug Liebeskummer erlitten hat. Die Verwendung des Imperativs („Kommt Brüder, helft mir sie verjagen“) deutet auf eine Gemeinschaft und einen gemeinsam gefassten Vorsatz hin, was die Ernsthaftigkeit des Entschlusses anfänglich unterstreicht. Die Brüder unterstützen den Entschluss mit einem ebenso entschiedenen Ausruf, wodurch eine feuchtfröhliche Atmosphäre entsteht und die Liebe als unnütze Qual dargestellt wird.

Die Pointe des Gedichts liegt in der unverhofften Wendung, die durch das Auftreten von Chloe ausgelöst wird. Das lyrische Ich, das zuvor den Weingenuss über die Liebe gestellt hatte, wird durch Chloes Erscheinen schlagartig seiner Entschlossenheit beraubt. Die Beschreibung der körperlichen Reaktion („mir bebten alle Glieder“) verdeutlicht die überwältigende Wirkung der Liebe, die selbst den festesten Vorsatz wie einen leichten Vorhang zerreißt. Die „schamvoll“ beugenden Brüder zeigen, dass auch sie der Macht der Liebe erlegen sind und die vorherige Verachtung gegenüber der Liebe vergessen haben.

Die Sprache des Gedichts ist einfach und lebendig, mit klaren Reimen, die den humorvollen Charakter unterstreichen. Die Verwendung von Ausrufen und direkter Rede („So sang ich“, „So recht! fieng jeder an zu schreyn!“) verleiht dem Gedicht Dynamik und Lebendigkeit. Die Gegenüberstellung von Wein und Liebe („Was ist die Liebe gegen Wein?“) ist ein klassisches Motiv, das hier jedoch auf ironische Weise eingesetzt wird. Der Bruch in der Entschlossenheit des lyrischen Ichs und die anschließende Reaktion der Brüder verdeutlichen die Unberechenbarkeit menschlicher Gefühle und die leichte Verführbarkeit des Menschen durch die Liebe.

Das Gedicht ist somit eine humorvolle Kritik an menschlichen Schwächen und Vorsätzen. Es zeigt, dass der Wunsch nach Freiheit von Liebesqualen in der Realität oft durch die Macht der Liebe selbst übertroffen wird. Die Ironie des Gedichts liegt darin, dass der anfängliche Entschluss, der in der Gemeinschaft gefasst wurde, durch das plötzliche Auftreten Chloes in sein Gegenteil verkehrt wird. Weiße entlarvt auf spielerische Art und Weise die menschliche Neigung, sich von kurzfristigen Impulsen leiten zu lassen und die Macht der Liebe, selbst in scheinbar fest entschlossenen Herzen, zu unterschätzen.

Weitere Informationen

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Lizenz und Verwendung

Dieses Gedicht fällt unter die „public domain“ oder Gemeinfreiheit. Gemeinfreiheit bedeutet, dass ein Werk nicht (mehr) durch Urheberrechte geschützt ist und daher von allen ohne Erlaubnis des Urhebers frei genutzt, vervielfältigt und verbreitet werden darf. Sie tritt meist nach Ablauf der gesetzlichen Schutzfrist ein, z. B. 70 Jahre nach dem Tod des Autors. Weitere Informationen dazu finden sich hier.