Der Entfernten
1778- Sonett
O wie soll ich Kunde zu ihr bringen, Kunde dieser ruhelosen Pein, Von der Holden so getrennt zu sein, Da Gefahren lauernd mich umringen.
Hüll′ ich, der Entfernten sie zu singen, In den Flor der Heimlichkeit mich ein: Ach! so achtet sie wohl schwerlich mein, Und vergebens muß mein Lied erklingen.
Doch getrost! Zerriß nicht, als sie schied, Laut ihr Schwur die Pause stummer Schmerzen: “Mann, du wohnest ewig mir im Herzen”?
Diesem Herzen brauchest du, o Lied, Des Verhüllten Namen nicht zu nennen: An der Stimme wird es ihn erkennen.
- Sonett
Du mein Heil, mein Leben, meine Seele, Süßes Wesen, von des Himmels Macht Darum, dünkt mir, nur hervorgebracht, Daß dich Liebe ganz mir anvermähle!
Welcher meiner todeswerthen Fehle Bannte mich in diesen Sclavenschacht, Wo ich fern von dir, in öder Nacht, Ohne Licht und Wärme mich zerquäle?
O warum entbehret mein Gesicht Jenen Strahl aus deinem Himmelsauge, Den ich dürftig nur im Geiste sauge?
Und die Lippe, welche singt und spricht, Daß ich kaum ihr nachzulallen tauge, O warum erquickt sie mich denn nicht?
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Interpretation
Das Gedicht "Der Entfernten" von Gottfried August Bürger besteht aus zwei Sonetten, die die tiefe Sehnsucht und den Schmerz eines Mannes über die Trennung von seiner Geliebten zum Ausdruck bringen. Im ersten Sonett ringt der Sprecher damit, wie er ihr von seiner unruhigen Pein, von der Trennung, berichten soll, da Gefahren ihn umgeben. Er erwägt, sich in Heimlichkeit zu hüllen, um ihr seine Gefühle zu singen, befürchtet aber, dass sie ihn dann schwerlich beachten und sein Lied vergeblich erklingen würde. Dennoch findet er Trost in dem Schwur, den sie bei ihrer Trennung abgelegt hat: "Mann, du wohnest ewig mir im Herzen". Dieses Herz, so der Sprecher, braucht den Namen der Geliebten nicht genannt zu bekommen, da es ihre Stimme erkennen wird. Im zweiten Sonett preist der Sprecher seine Geliebte als sein Heil, Leben und seine Seele, als ein von der Himmelsmacht geschaffenes Wesen, das nur dazu da ist, um von der Liebe ganz ihm zugehören. Er fragt sich, welche seiner todeswürdigen Fehler ihn in diesen Sklavenschacht verbannt haben, wo er ohne sie, in öder Nacht, ohne Licht und Wärme sich quält. Der Sprecher sehnt sich nach dem Strahl aus ihren Himmelsaugen und der erfrischenden Wirkung ihrer Lippen, die singen und sprechen, doch er kann ihnen kaum folgen. Er fragt sich, warum seine Augen und Lippen nicht in der Lage sind, die Gegenwart und Nähe seiner Geliebten zu erfahren und zu genießen.
Schlüsselwörter
Wortwolke

Stilmittel
- Anapher
- [o wie soll ich Kunde zu ihr bringen Kunde dieser ruhelosen Pein Von der Holden so getrennt zu sein]
- Frage
- [O warum entbehret mein Gesicht Jenen Strahl aus deinem Himmelsauge O warum erquickt sie mich denn nicht]
- Hyperbel
- [daß dich Liebe ganz mir anvermähle Wo ich fern von dir, in öder Nacht Ohne Licht und Wärme mich zerquäle]
- Personifikation
- [Laut ihr Schwur die Pause stummer Schmerzen]