Der Entfernten

Johann Gaudenz von Salis-Seewis

1762

Wohl denk′ ich allenthalben, O du Entfernte, dein! Früh, wenn die Wolken falben, Und spät im Sternenschein. Im Grund des Morgengoldes, Im roten Abendlicht, Umschwebst du mich, o holdes, Geliebtes Traumgesicht!

Es folgt in alle Weite Dein trautes Bild mir nach, Es wallt mir stets zur Seite, In Träumen oder wach; Wenn Lüfte sanft bestreifen Der See beschilften Strand, Umflüstern mich die Schleifen Von seinem Busenband.

Ein Abglanz seines Schleiers Scheint auf die Saat gewebt; Sein Hauch, was des Gemäuers Bewegten Eppich hebt; Der Kleidung weiche Falten, Geformt aus Glanz und Duft, Entschwinden in den Spalten Der öden Felsenkluft.

Wo rauschender und trüber Der Strom Gebirge trennt, Weht oft sein Laut herüber, Den meine Seele kennt; Wenn ich den Fels erklimme, Den noch kein Fuß erreicht, Lausch′ ich nach jener Stimme; Doch Kluft und Echo schweigt.

Wo durch die Nacht der Fichten Ein Dämm′rungsflimmer wallt, Seh′ ich dich zögernd flüchten, Geliebte Luftgestalt! Wenn, sanft dir nachzulangen, Der Sehnsucht Arm sich hebt, Ist dein Phantom zergangen, Wie Taugedüft verschwebt.

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Illustration zu Der Entfernten

Interpretation

Das Gedicht "Der Entfernten" von Johann Gaudenz von Salis-Seewis handelt von der Sehnsucht und der andauernden Präsenz einer geliebten Person, die physisch abwesend ist. Der lyrische Ich-Erzähler denkt ständig an die Entfernte, sei es in den frühen Morgenstunden oder in der Nacht unter dem Sternenschein. Die geliebte Person erscheint als Traumgestalt, die den Erzähler umgibt und begleitet, unabhängig davon, ob er wach oder träumend ist. Die Natur wird als Spiegel und Verlängerung der Sehnsucht des Erzählers dargestellt. Die Bilder von Morgennebel, Abendlicht und dem Rauschen eines Flusses symbolisieren die unermüdliche Präsenz der Geliebten in Gedanken und Träumen. Die Naturphänomene werden mit den Attributen der Geliebten verknüpft, wie Schleier, Kleidung und Atem, was die tiefe emotionale Verbindung zwischen dem Erzähler und der Abwesenden unterstreicht. Die abschließenden Strophen verdeutlichen die Unerreichbarkeit und Vergänglichkeit der Geliebten. Obwohl der Erzähler versucht, ihr nachzueifern und ihre Stimme zu hören, bleibt sie ein flüchtiges Phantom, das bei Annäherung verschwindet wie Tau im Wind. Dies verdeutlicht die bittersüße Natur der Sehnsucht, bei der die Geliebte sowohl allgegenwärtig als auch unerreichbar ist.

Schlüsselwörter

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Wortwolke

Wortwolke zu Der Entfernten

Stilmittel

Anapher
Wohl denk' ich allenthalben, O du Entfernte, dein! Früh, wenn die Wolken falben, Und spät im Sternenschein.
Hyperbel
Wo ich den Fels erklimme, Den noch kein Fuß erreicht
Metapher
Im Grund des Morgengoldes, Im roten Abendlicht, Umschwebst du mich, o holdes, Geliebtes Traumgesicht!
Personifikation
Wenn Lüfte sanft bestreifen Der See beschilften Strand, Umflüstern mich die Schleifen Von seinem Busenband.
Symbolik
Ein Abglanz seines Schleiers Scheint auf die Saat gewebt; Sein Hauch, was des Gemäuers Bewegten Eppich hebt;
Vergleich
Wie Taugedüft verschwebt.