Der Engel

Rainer Maria Rilke

1926

Mit einem Neigen seiner Stirne weist er weit von sich was einschränkt und verpflichtet; denn durch sein Herz geht riesig aufgerichtet das ewig Kommende das kreist.

Die tiefen Himmel stehn ihm voll Gestalten, und jede kann ihm rufen: komm, erkenn -, gib seinen leichten Händen nichts zu halten aus deinem Lastenden. Sie kämen denn

bei Nacht zu dir, dich ringender zu prüfen, und gingen wie Erzürnte durch das Haus und griffen dich als ob sie dich erschüfen und brächen dich aus deiner Form heraus.

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Illustration zu Der Engel

Interpretation

Das Gedicht "Der Engel" von Rainer Maria Rilke handelt von einem Engel, der als Vermittler zwischen Mensch und Göttlichkeit fungiert. Der Engel wendet sich mit seiner Stirn von allem ab, was den Menschen einschränkt und verpflichtet, und lässt stattdessen das "ewig Kommende" in sein Herz eintreten, das sich wie ein Kreis ausbreitet. Dies symbolisiert die Offenheit für das Unbekannte und die Bereitschaft, sich auf das Unendliche einzulassen. Die "tiefen Himmel" sind voller Gestalten, die den Engel auffordern, sie zu erkennen und ihnen nichts zu halten, was den Engel belasten könnte. Diese Gestalten können als Engel oder als Verkörperungen der göttlichen Ideen interpretiert werden. Sie kommen nachts zu dem Menschen, um ihn zu prüfen und zu erschüttern, und reißen ihn aus seiner gewohnten Form. Dies kann als ein Prozess der spirituellen Erleuchtung oder als eine Metapher für die kreative Inspiration verstanden werden, die den Menschen aus seiner gewohnten Perspektive reißt und ihn zu neuen Einsichten führt. Das Gedicht endet mit einer kraftvollen Bildsprache, die die Intensität dieser Begegnung betont. Die Engel kommen "wie Erzürnte" und "greifen" den Menschen, um ihn aus seiner Form zu "brechen". Dies kann als eine Metapher für die transformative Kraft der Inspiration oder der spirituellen Erfahrung verstanden werden, die den Menschen aus seiner gewohnten Perspektive reißt und ihn zu neuen Einsichten führt.

Schlüsselwörter

neigen stirne weist weit einschränkt verpflichtet herz geht

Wortwolke

Wortwolke zu Der Engel

Stilmittel

Anapher
Und jede kann ihm rufen: komm, erkenn -, gib seinen leichten Händen nichts zu halten aus deinem Lastenden
Bildsprache
Die tiefen Himmel stehn ihm voll Gestalten
Hyperbel
Sie kämen denn bei Nacht zu dir, dich ringender zu prüfen
Metapher
Und brächen dich aus deiner Form heraus
Personifikation
denn durch sein Herz geht riesig aufgerichtet das ewig Kommende das kreist