Der Einsiedler
1899Er hatte seit Jahren nicht menr gesät Verstreut noch reifte ihm das Getreide Zuletzt ließ er den Hafer ungemäht Sein Pferd verlor sich auf der Weide.
Er brach eine Zeit noch Beeren vom Ast Als müßte er einen Hunger stillen, Dann vergaß er auch diese letzte Last Um seiner tieferen Ruhe willen.
Er saß vor der Hütte bei Tag und Nacht Die Hütte verfiel in Wind und Regen Allmählich wuchsen die Gräser sacht Seinen Füßen und Knien entgegen
Und wuchsen langsam durch seine Hand. Er ward wie ein Sieb, ohne Außen und Innen. Gleichmäßig und ganz ohne Widerstand Konnten die Jahre durch ihn rinnen.
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Interpretation
Das Gedicht "Der Einsiedler" von Maria Luise Weissmann erzählt von einem Mann, der sich zunehmend von der Welt zurückzieht und schließlich vollständig in die Natur aufgelöst wird. Der Einsiedler lässt seine Felder unbestellt und sein Getreide verwildern, was seinen Rückzug aus der menschlichen Gesellschaft symbolisiert. Er vernachlässigt sogar die grundlegendsten Bedürfnisse wie das Ernten von Beeren, um seine "tiefere Ruhe" zu finden. Der zweite Teil des Gedichts beschreibt, wie der Einsiedler sich immer mehr mit der Natur verbindet. Er sitzt unbeweglich vor seiner Hütte, die langsam verfällt, während das Gras um ihn herum wächst. Die Natur erobert sich ihren Raum zurück, indem sie den Einsiedler langsam umhüllt und durchdringt. Dies wird als ein friedlicher und natürlicher Prozess dargestellt, bei dem der Mensch Teil der Natur wird. Im letzten Vers des Gedichts erreicht der Einsiedler einen Zustand vollkommener Auflösung. Er wird zu einem "Sieb", ohne klare Grenzen zwischen Innen und Außen. Die Jahre können nun ungehindert durch ihn hindurchfließen, was seine vollständige Integration in den natürlichen Kreislauf symbolisiert. Der Einsiedler hat seine Individualität verloren und ist zu einem Teil der ewigen Natur geworden, in der Zeit und Raum keine Bedeutung mehr haben.
Schlüsselwörter
Wortwolke

Stilmittel
- Bildlichkeit
- Er saß vor der Hütte bei Tag und Nacht
- Enjambement
- Er hatte seit Jahren nicht menr gesät Verstreut noch reifte ihm das Getreide Zuletzt ließ er den Hafer ungemäht Sein Pferd verlor sich auf der Weide.
- Hyperbel
- Allmählich wuchsen die Gräser sacht Seinen Füßen und Knien entgegen
- Metapher
- Er ward wie ein Sieb, ohne Außen und Innen.
- Personifikation
- Die Hütte verfiel in Wind und Regen
- Symbolik
- Sein Pferd verlor sich auf der Weide.