Der Duft
Hast du, mein Leser, je nach Schwelgerart
Inbrünstiglich und langsam eingesogen
Den Weihrauchduft im dunkeln Kirchenbogen,
Den Moschushauch, den treu ein Kissen wahrt?
O zaubrisch tiefer Reiz, in dessen Wogen
Vergangenheit und Gegenwart sich paart,
Wie wenn der Freund Erinnrungsblüten zart
Um der Geliebten schlanken Leib gezogen.
Denn ihrem schweren Haar, das knisternd flammt,
Schwellendes Kissen mir und Weihrauchschale,
Entströmt der wilde Hauch, der brünstig fahle,
Aus ihrer Kleider Musselin und Samt,
Durchtränkt von ihrer Jugend, Düfte steigen,
Wie sie dem Fell der jungen Tiere eigen.
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Kurze Interpretation des Gedichts
Das Gedicht „Der Duft“ von Charles-Pierre Baudelaire ist eine sinnliche und tiefgründige Reflexion über die Macht des Geruchs, insbesondere der Düfte, die mit Sinnlichkeit, Erinnerung und der Erfahrung von Leidenschaft verbunden sind. Es beginnt mit einer direkten Ansprache an den Leser, in der eine Frage gestellt wird, ob er jemals die intensiven Düfte von Weihrauch, Moschus und Kissen genossen hat. Diese Eröffnung etabliert sofort eine intime Beziehung und lädt den Leser ein, in die Welt des Geruchs einzutauchen, die im Laufe des Gedichts erkundet wird.
Die zweite Strophe beschreibt die Wirkung dieser Düfte als „zaubrisch tiefer Reiz“, der Vergangenheit und Gegenwart in sich vereint. Dies deutet auf die Fähigkeit des Geruchs hin, Erinnerungen wachzurufen und Emotionen zu wecken. Die Metapher des „Freund[es], Erinnrungsblüten“ um den Leib der Geliebten ziehen, verstärkt diese Vorstellung und verbindet den Duft mit Liebe, Zuneigung und den zarten Momenten der Vergangenheit. Die Verwendung von Begriffen wie „zaubrisch“ und „inbrünstig“ unterstreicht die magische und leidenschaftliche Qualität der Geruchswahrnehmung.
In den folgenden Versen wird die Quelle dieser Düfte konkretisiert: das Haar, die Kleidung und die Jugend der Geliebten. Die Metaphern „schweres Haar, das knisternd flammt“ und „schwellendes Kissen mir und Weihrauchschale“ erzeugen ein lebhaftes Bild, das die sinnliche Erfahrung verstärkt. Das Haar ist dabei nicht nur eine Quelle des Duftes, sondern auch ein Symbol für die erotische Anziehungskraft und die flammende Leidenschaft. Die „Kleider“ aus „Musselin und Samt“ sind weitere Quellen des Duftes, die mit der Jugend der Geliebten verbunden sind.
Die letzten beiden Zeilen verstärken die Assoziation von Jugend und Wildheit, indem sie die Düfte mit denjenigen junger Tiere vergleichen. Dieser Vergleich hebt die ursprüngliche, ungezügelte Qualität der Sinnlichkeit hervor. Das Gedicht endet mit einer Mischung aus Verzauberung und Natur, die die Komplexität des Duftes und seiner Auswirkungen auf die menschliche Psyche widerspiegelt. Baudelaire nutzt die Kraft des Geruchs, um eine tiefgründige Reflexion über Erinnerung, Leidenschaft und die flüchtige Schönheit der Jugend zu schaffen.
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Lizenz und Verwendung
Dieses Gedicht fällt unter die „public domain“ oder Gemeinfreiheit. Gemeinfreiheit bedeutet, dass ein Werk nicht (mehr) durch Urheberrechte geschützt ist und daher von allen ohne Erlaubnis des Urhebers frei genutzt, vervielfältigt und verbreitet werden darf. Sie tritt meist nach Ablauf der gesetzlichen Schutzfrist ein, z. B. 70 Jahre nach dem Tod des Autors. Weitere Informationen dazu finden sich hier.