Der Deserteur

Anastasius Grün

1806

Auf der Hauptwacht sitzt geschlossen Des Gebirges schlanker Sohn, Morgen frühe wird erschossen, Der dreimal der Fahn’ entflohn.

Heute gönnten mit Erbarmen Sie ihm Wein und Prasserkost; Doch in seiner Mutter Armen Gibt und nimmt er letzten Trost:

»Mutter, seht, die närr’schen Leute Heischten Treu’ und Eid mir ab, Die ich doch, und nicht erst heute, Meiner lieben Sennin gab!

Soll mein Blut dem Fürsten geben, Mag wohl sein ein guter Mann; Doch er fordre nicht mein Leben! Was blieb’ euch, o Mutter, dann?

Eures Hauptes Silberflocken, Acker schirmen, Hof und Haus Und der Liebsten goldne Locken, Füllt’s nicht schön ein Leben aus?

Hoch von langen Stangen wallten Fetzen Tuchs, drauf sie recht fein Ein geflügelt Raubthier malten; Und da sollt’ ich hinterdrein!

Dem Gevögel Adlern, Geiern, War ich doch mein Lebtag gram; Schoß manch einen, der zu euern Und der Liebsten Heerden kam!

Ueber eine blanke Schachtel Spannten sie ein Eselsfell: Welch Gedröhn, statt Lerch’ und Wachtel, Die im Korn einst schlugen hell!

Trommellärm trieb mich von dannen, Alphorn rief mich zu den Höhn, Wo die grünen, duft’gen Tannen, Meine echten Fahnen, wehn!

Unserm Küster lauscht’ ich lieber Mit dem tapfern Fiedelstrich, Während vom Gebirg herüber Süß’rer Klang mein Ohr beschlich!

In zweifarbig Tuch geschlagen, Knebelten mich Spang’ und Knopf, Einen Höcker sollt’ ich tragen Und als Hut solch schwarzen Topf!

Besser läßt, das sieht doch Jeder, Mir der grüne Schützenrock, Auf dem Hut die Schildhahnfeder, Stutzen auch und Alpenstock!

Wachtstehn sollt’ ich Nachts vor Zelten! Lullt mein Wachen sie in Ruh? Legt der Herr den mir geschmälten Schlummer wohl dem ihren zu?

Besser als durch mich geborgen Stellt’ in Himmels Schutz ich sie; Und vor Liebchens Haus am Morgen Stand als Ehrenwacht ich früh.

Morgen, wenn die Schüsse schüttern Mutter, denkt, daß fern von euch Im Gebirg bei Hochgewittern Mich erschlug ein Wetterstreich!

Besser will mir’s so behagen! Kann doch auf den Lippen treu Euren, ihren Namen tragen, Wie der blüh’ndsten Rosen zwei!«

Und der Morgen stieg zur Erde; Unter laub’gem Blüthenbaum Ruht die Sennin; ihre Heerde Weidet rings am Bergessaum.

Horch! Im Thalgrund Büchsenknalle, Daß, aus seinem Morgentraum Aufgeschreckt vom rauhen Halle, Bang und zitternd lauscht der Baum!

Aus der Krone losgerüttelt Taumeln Blüthenflocken hin, Tropfen Thau’s, wie Thränen, schüttelt Er aufs Haupt der Sennerin!

Und entsunken sind zur Stunde In dem Thale, grün und frei, Einem rothen Jünglingsmunde Wohl der blüh’ndsten Rosen zwei.

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Illustration zu Der Deserteur

Interpretation

Das Gedicht "Der Deserteur" von Anastasius Grün erzählt die Geschichte eines jungen Mannes, der zum Tode verurteilt wurde, weil er dreimal die Fahne seines Regiments verlassen hat. In seinen letzten Stunden vor der Hinrichtung reflektiert er über die Gründe für seine Desertion und äußert seine Liebe zu seiner Mutter und seiner Sennin (einer Bergbäuerin). Er kritisiert die militärische Disziplin und den Gehorsam, den er als unnatürlich und unterdrückerisch empfindet. Stattdessen preist er die Freiheit und Schönheit der Natur, in der er sich zu Hause fühlt. Er vergleicht die Fahne mit einem Raubvogel, den er schon immer gehasst hat, und die Trommel mit einem Eselsfell, das ihn vom Schlaf abhält. Er bevorzugt die Musik des Küsters und das Lied der Lerchen und Nachtigallen. Er lehnt die Uniform und die Waffen ab, die ihm nicht passen und ihn unwohl fühlen lassen. Er bevorzugt die Tracht und die Ausrüstung der Schützen, die er als authentischer und bequemer empfindet. Er sagt, dass er seine Liebsten besser im Himmel als in der Armee beschützen kann, und dass er lieber als Ehrenwache vor dem Haus seiner Sennin steht als vor dem Zelt seines Vorgesetzten. Er bittet seine Mutter, ihn als Opfer der Natur zu betrachten, das vom Blitz getroffen wurde, und nicht als Verräter des Staates, der von der Kugel getötet wurde. Er sagt, dass er mit den Namen seiner Mutter und seiner Sennin auf den Lippen sterben will, wie mit den schönsten Rosen. Das Gedicht endet mit einer Szene, die den Kontrast zwischen dem Tod des Deserteurs und dem Leben seiner Sennin verdeutlicht. Der Morgen bricht an, und die Sennin ruht unter einem blühenden Baum, während ihre Herde am Rand des Berges weidet. Plötzlich hört man das Geräusch von Schüssen im Tal, das die Sennin aus ihrem Traum reißt und den Baum zum Beben bringt. Die Blütenblätter fallen von den Zweigen, und der Tau tropft wie Tränen auf das Haupt der Sennin. In diesem Moment werden die beiden schönsten Rosen, die der junge Mann auf den Lippen seiner Liebsten geküsst hat, in seinem roten Mund erstickt. Das Gedicht vermittelt somit eine tragische und romantische Stimmung, die den Konflikt zwischen Individualität und Autorität, zwischen Natur und Zivilisation, zwischen Liebe und Pflicht thematisiert.

Schlüsselwörter

morgen mutter sollt besser heute treu sennin leben

Wortwolke

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Stilmittel

Alliteration
Mutter, seht, die närr’schen Leute
Bildsprache
Morgen, wenn die Schüsse schüttern Mutter, denkt, daß fern von euch Im Gebirg bei Hochgewittern Mich erschlug ein Wetterstreich!
Hyperbel
Was blieb’ euch, o Mutter, dann?
Kontrast
Besser läßt, das sieht doch Jeder, Mir der grüne Schützenrock
Metapher
Des Gebirges schlanker Sohn
Onomatopoesie
Büchsenknalle
Personifikation
Bang und zitternd lauscht der Baum
Symbolik
Hoch von langen Stangen wallten Fetzen Tuchs, drauf sie recht fein Ein geflügelt Raubthier malten
Vergleich
Wie der blüh’ndsten Rosen zwei