Der Denar

Annette von Droste-Hülshoff

1844

O! über deinen König! ganz dir gleich, Du glattgeschlagner Lumpen, o, sein Reich Das Inselchen, des kärglichen Tribut Lukull in eine Silberschüssel lud, Gebannt in eine Perle Cäsars Hand In der Ägypterfürstin Locken wand. Du, zitternd vor Satrapenblicke, fahl Wärst du zerstäubt vor seiner Augen Strahl, Wenn langsam übers Forum im Triumph Das Viergespann ihn rollte; hörst du dumpf, Wie halberwachten Donner oder Spülen Der Brandung, Pöbelwoge ziehn und wühlen, Um die Quadriga summend, wie im Nahn Prüft seine Stimme murrend der Orkan? »Heil, Cäsar, Heil!« um seine kahle Stirn Ragt Lorbeer, wie die Ficht′ um Klippenfirn; Er lächelt, und aus seinem Lächeln fließet Ein leise schläfernd Gift, o Roma, dir, Sein halbgeschloßnes Auge Fäden schießet, Ein unzerreißbar Netz. — Gebückt und stier, Zerzausten Haares, vor den Rossen klirrt Endloser Gallierzug, die Fesseln schleifen, Und aus der Pöbelwelle gellt und schwirrt Gezisch, Gejubel, Cymbelklang und Pfeifen. Denare fliegen aus des Siegers Hand, Ha, wie es krabbelt im Arenasand! — Der Imperator nickt und klingelt fort. Noch lieg′ ich unberührt im Byssusbeutel, — Was steigt so schwarz am Kapitole dort? Es dunkelt, dunkelt; — über Cäsars Scheitel Ein Riesenaar mit Flügelrauschen steigt, Die Sonne schwindet — doch ein Leuchten streicht Um der Liktoren Beile — wieder itzt — Sie zucken, schwenken sich — es blitzt! — es blitzt!

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Illustration zu Der Denar

Interpretation

Das Gedicht "Der Denar" von Annette von Droste-Hülshoff schildert die Pracht und den Glanz des römischen Kaisers, der in einem Triumphzug durch das Forum zieht. Der Denar, als Symbol des Reichtums und der Macht, wird mit dem Kaiser verglichen und erzählt von seiner Reise durch die Zeit, von seiner Prägung bis zu seiner Verwendung als Tribut und schließlich als Wurfgeschoss bei den Spielen im Amphitheater. Das Gedicht beschreibt die Faszination und den Schrecken, den der Kaiser auf seine Untertanen ausübt, und die Verehrung, die ihm entgegengebracht wird, symbolisiert durch den Lorbeerkranz auf seinem Haupt. Die zweite Strophe des Gedichts zeigt die dunkle Seite der Macht des Kaisers. Der Denar, der noch unberührt im Beutel liegt, beobachtet, wie ein riesiger Rabe mit Flügelrauschen auf dem Kapitol erscheint und die Sonne verdunkelt. Die Liktoren, die als Begleiter des Kaisers fungieren, schwenken ihre Beile, die in der Dunkelheit zu blitzen beginnen. Dies deutet auf eine bevorstehende Gefahr oder einen Umsturz hin, der den Kaiser und sein Reich bedroht. Insgesamt vermittelt das Gedicht eine ambivalente Sicht auf die Macht und den Reichtum des römischen Kaisers. Einerseits wird die Pracht und der Glanz des Kaisers und seines Reiches bewundert, andererseits wird die dunkle Seite der Macht und die Gefahr, die von ihr ausgeht, aufgezeigt. Der Denar als Symbol des Reichtums und der Macht wird zum Zeugen der Geschichte und zum Spiegelbild der menschlichen Faszination und Angst vor der Macht.

Schlüsselwörter

cäsars hand heil steigt dunkelt blitzt könig ganz

Wortwolke

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Stilmittel

Alliteration
Pöbelwoge ziehn und wühlen
Bildsprache
Es dunkelt, dunkelt; — über Cäsars Scheitel
Hyperbel
Ein Riesenaar mit Flügelrauschen steigt
Metapher
Du glattgeschlagner Lumpen
Personifikation
Gebannt in eine Perle Cäsars Hand
Symbolik
Lukull in eine Silberschüssel lud
Synästhesie
Gezisch, Gejubel, Cymbelklang und Pfeifen
Vergleich
Roma, dir