Der Canarienvogel und der Häher

Friedrich von Hagedorn

1704

Durch Fragen wird man klug. Man kömmt damit nach Rom. Ein wahres Sprüchwort sagt′s, und selbst am Tiberstrom. Allein wir müssen nicht mit Fragen die beehren, Die selbst nicht fähig sind, was Gründliches zu lehren. Kein Blinder zeigt den Weg. Ein Flaccus, ein Virgil Zieht nicht den Bav zu Rath. Sie fragen den Quintil, Den ganz gelehrten Freund. Warum? Ein halber Kenner Verdient, zum höchsten, nur das Mitleid kluger Männer, Wenn er von Meisterschaft, voll Hochmuth, Neid und Zwist, An Witz ein Polyphem, an Wahn ein Argus ist.

Ein Vogel, der unlängst aus Teneriff gekommen, Glich, Arigoni, dir, auch an Bescheidenheit, War fast der einzige, der seine Trefflichkeit Und seiner Stimme Reiz nicht g′nugsam wahrgenommen. Der Sänger redet nun Marcolph, den Schreier, an, Den Häher, welchem er sich auch nicht nähern sollen. Sagt, sprach er, ob mein Ton euch recht gefallen kann: Entdeckt mir, ob auch mich die Kenner dulden wollen? Ich zweifle, lehrt Marcolph. Euch fehlt mein Unterricht: Von mir läßt sich noch viel erfahren. Die Kunstverständigen, wir Häher und die Staaren, Wir Kenner loben euch noch nicht. Folgt mir: ich singe fein, recht nach der Tonkunst Gründen, Ihr trillert fremd und falsch: man hört euch an, und lacht.

Wer immer sich zum Schüler macht, Wird immer einen Meister finden.

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Illustration zu Der Canarienvogel und der Häher

Interpretation

Das Gedicht "Der Canarienvogel und der Häher" von Friedrich von Hagedorn handelt von der Bedeutung von Fragen und der Wahl der richtigen Lehrer. Es beginnt mit einem Sprichwort, das besagt, dass man durch Fragen klug wird, aber es ist wichtig, die richtigen Fragen an die richtigen Personen zu richten. Das Gedicht warnt davor, blinden Menschen den Weg zu zeigen oder sich von Halbwissenden beraten zu lassen, da diese oft voller Stolz, Neid und Streit sind. Im Hauptteil des Gedichts wird die Geschichte eines Kanarienvogels erzählt, der aus Teneriffa kommt und sich mit seiner Bescheidenheit von anderen abhebt. Er fragt den Häher, ob sein Gesang ihm gefällt und ob er von den Kennern akzeptiert wird. Der Häher, der sich als Lehrer sieht, rät dem Kanarienvogel, ihm zu folgen, da er die Kunst der Tonkunst versteht. Der Häher behauptet, dass der Kanarienvogel fremd und falsch trillert und dass die Kenner ihn noch nicht loben. Das Gedicht endet mit der Aussage, dass jeder, der sich zum Schüler macht, auch einen Meister finden wird. Es betont die Bedeutung der Wahl des richtigen Lehrers und die Notwendigkeit, von den Besten zu lernen, um wahre Meisterschaft zu erlangen.

Schlüsselwörter

fragen kenner sagt selbst marcolph häher recht klug

Wortwolke

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Stilmittel

Alliteration
Voll Hochmuth, Neid und Zwist
Hyperbel
An Witz ein Polyphem, an Wahn ein Argus ist
Ironie
Folgt mir: ich singe fein, recht nach der Tonkunst Gründen, Ihr trillert fremd und falsch: man hört euch an, und lacht
Metapher
Kein Blinder zeigt den Weg
Personifikation
Die Kunstverständigen, wir Häher und die Staaren, Wir Kenner loben euch noch nicht
Vergleich
Ein Vogel, der unlängst aus Teneriff gekommen, Glich, Arigoni, dir, auch an Bescheidenheit