Der Brief

Adolf Friedrich Graf von Schack

1897

Nichts ist mir von dir geblieben Als der Brief, den du geschrieben, Meines Lebens höchstes Gut; Mag das Auge mir erblinden, Tröstung kann ich einzig finden, Wenn es auf dem Blatte ruht.

Dann erstehn mir sel′ge Stunden Mit den Wonnen, die geschwunden, Wieder aus der Totengruft; Und um meine wehmuttrunkne Seele hauchen lang versunkne Lenze ihren Blütenduft.

Ueber mir im Abendwinde Rauscht das Wipfellaub der Linde So wie ehmals wiederum, Als wir Arm in Arm gelegen Und nur mit des Herzens Schlägen Zwiesprach hielten, wonnestumm.

Und dann ist mir, auf dem Blatte Ruhe neben mir dein Schatte In dem blassen Dämmerlicht; O, an ihm im langen, langen Kusse soll mein Mund noch hangen, Wenn im Tod mein Auge bricht.

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Illustration zu Der Brief

Interpretation

Das Gedicht "Der Brief" von Adolf Friedrich Graf von Schack handelt von der tiefen emotionalen Verbindung, die der Sprecher zu einem Brief einer geliebten Person empfindet. Der Brief ist das Einzige, was dem Sprecher von dieser Person geblieben ist und wird als das "höchste Gut" seines Lebens beschrieben. In Zeiten der Trauer und des Verlustes findet der Sprecher Trost und Erinnerung, indem er den Brief liest. In den folgenden Strophen beschreibt der Sprecher, wie der Brief ihm ermöglicht, in eine vergangene Zeit zurückzukehren, in der er mit der geliebten Person zusammen war. Die Erinnerungen werden lebendig und die "sel'gen Stunden" kehren zurück. Die Seele des Sprechers wird von den Düften der vergangenen Jahreszeiten umhüllt, was die Intensität der Erinnerungen unterstreicht. Im letzten Teil des Gedichts wird die Szene am Abend beschrieben, wo der Sprecher sich vorstellt, wie er neben der geliebten Person sitzt und den Brief liest. Der Schatten der Person erscheint ihm als tröstende Präsenz. Der Sprecher sehnt sich danach, diese Nähe auch im Tod noch zu spüren, was die tiefe emotionale Bindung und die Bedeutung des Briefs für ihn verdeutlicht. Das Gedicht endet mit dem Wunsch, den "langen Kuss" bis zum Tod aufrechtzuerhalten.

Schlüsselwörter

auge blatte arm langen geblieben brief geschrieben lebens

Wortwolke

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Stilmittel

Alliteration
Wenn es auf dem Blatte ruht
Bildsprache
Im Abendwinde Rauscht das Wipfellaub der Linde
Hyperbel
O, an ihm im langen, langen Kusse soll mein Mund noch hangen
Metapher
Meines Lebens höchstes Gut
Personifikation
Und um meine wehmuttrunkne Seele hauchen lang versunkne Lenze ihren Blütenduft
Symbolik
der Brief
Vergleich
Rauscht das Wipfellaub der Linde So wie ehmals wiederum