Der Brief aus der Heimat

Annette von Droste-Hülshoff

1844

Sie saß am Fensterrand im Morgenlicht und starrte in das aufgeschlagne Buch; die Zeilen zählte sie und wußt′ es nicht, ach weithin, weithin der Gedanken Flug! Was sind so ängstlich ihre nächt′gen Träume? Was scheint die Sonne durch so öde Räume? - Auch heute kam kein Brief, auch heute nicht.

Seit Wochen weckte sie der Lampe Schein, hat bebend an der Stiege sie gelauscht; wenn plötzlich am Gemäuer knackt der Schrein, ein Fensterladen auf im Winde rauscht, - es kommt, es naht, die Sorgen sind geendet! Sie hat gefragt, sie hat sich abgewendet und schloß sich dann in ihre Kammer ein.

Kein Lebenszeichen von der liebsten Hand, von jener, die sie sorglich hat gelenkt, als sie zum erstenmal zum festen Stand die zarten Kinderfüßchen hat gesenkt; versprengter Tropfen von der Quelle Rande, harrt sie vergebens in dem fremden Lande; die Tage schleichen hin, die Woche schwand.

Was ihre rege Phantasie geweckt? Ach, eine Leiche sah die Heimat schon, seit sie den unbedachten Fuß gestreckt auf fremden Grund und hörte fremden Ton; sie küßte scheidend jung′ und frische Wangen, die jetzt von tiefer Grabesnacht umfangen; ist′s Wunder, daß sie tödlich aufgeschreckt?

In Träumen steigt das Krankenbett empor, und Züge dämmern wie in halber Nacht; wer ist′s? - sie weiß es nicht und spannt das Ohr, sie horcht mit ihrer ganzen Seele Macht; dann fährt sie plötzlich auf im Windesrauschen und glaubt dem matten Stöhnen noch zu lauschen und kann erst spät begreifen, daß sie wacht.

Doch sieh, dort fliegt sie übern glatten Flur, ihr aufgelöstes Haar umfließt sie rund, und zitternd ruft sie mit des Weinens Spur: »Ein Brief, ein Brief, die Mutter ist gesund!« Und ihre Tränen stürzen wie zwei Quellen, die übervoll aus ihren Ufern schwellen; ach, eine Mutter hat man einmal nur!

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Illustration zu Der Brief aus der Heimat

Interpretation

Das Gedicht "Der Brief aus der Heimat" von Annette von Droste-Hülshoff handelt von einer Frau, die auf einen Brief aus ihrer Heimat wartet. Die Protagonistin sitzt am Fenster und starrt in ein Buch, während ihre Gedanken weit schweifen. Sie ist von Sorgen und Ängsten geplagt, die durch das Ausbleiben des erwarteten Briefs verstärkt werden. Die Abwesenheit von Lebenszeichen von ihrer Mutter, die sie einst geleitet und unterstützt hat, lastet schwer auf ihr. Die Frau lebt in einem Zustand der Unruhe und Anspannung. Sie lauscht nachts an der Treppe und wird von plötzlichen Geräuschen im Haus erschreckt. Die Hoffnung auf einen Brief, der ihre Sorgen beenden könnte, wird immer wieder enttäuscht. Sie zieht sich in ihr Zimmer zurück und versucht, mit ihrer Sehnsucht und Sorge fertig zu werden. Die Zeit vergeht quälend langsam, und die Wochen ziehen ins Land, ohne dass sich etwas ändert. In ihren Träumen sieht die Frau eine Leiche, die ihre Heimat betrifft. Sie erinnert sich an den Abschied von ihrer Mutter, als sie zum ersten Mal selbstständig wurde. Die Vorstellung vom Tod ihrer Mutter quält sie, und sie wacht oft schweißgebadet auf. In einem Moment der Erleichterung glaubt sie, einen Brief gefunden zu haben, der die Gesundheit ihrer Mutter bestätigt. Ihre Tränen fließen in Strömen, da sie erkennt, wie wichtig ihre Mutter für sie ist und dass man nur eine Mutter hat.

Schlüsselwörter

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Wortwolke

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Stilmittel

Alliteration
Was scheint die Sonne durch so öde Räume?
Anapher
Seit Wochen weckte sie der Lampe Schein, hat bebend an der Stiege sie gelauscht; wenn plötzlich am Gemäuer knackt der Schrein, ein Fensterladen auf im Winde rauscht, - es kommt, es naht, die Sorgen sind geendet! Sie hat gefragt, sie hat sich abgewendet und schloss sich dann in ihre Kammer ein.
Bildlichkeit
In Träumen steigt das Krankenbett empor, und Züge dämmern wie in halber Nacht
Enjambement
Sie saß am Fensterrand im Morgenlicht und starrte in das aufgeschlagne Buch; die Zeilen zählte sie und wußt' es nicht, nach weithin, weithin der Gedanken Flug!
Hyperbel
Ach, eine Mutter hat man einmal nur!
Kontrast
Seit Wochen weckte sie der Lampe Schein, hat bebend an der Stiege sie gelauscht; wenn plötzlich am Gemäuer knackt der Schrein, ein Fensterladen auf im Winde rauscht, - es kommt, es naht, die Sorgen sind geendet!
Metapher
Versprengter Tropfen von der Quelle Rande
Personifikation
Die Tage schleichen hin, die Woche schwand