Der Brahmine

Friedrich Hebbel

1854

In den bängsten Qualen windet sich der frömmste der Brahminen, Jahre hat er′s ausgehalten, heute ist der Tag erschienen, wo die Kräfte ihn verlassen, die in ihm den Göttern dienen; statt sie stumm wie sonst zu segnen, stöhnt er laut empor zu ihnen.

Aber aus der Zelle Winkel kommt der Tod herangeschritten, und er spricht mit heller Stimme: »Endlich hast du ausgelitten. Wolle nur, und all die Schmerzen, die dir Mark und Bein zerschnitten, werden diesen Hund zerreißen, der dir naht mit leisen Tritten.«

Eben leckt der treue Wächter ihm die halb entblößten Hände, und der Kranke flüstert schaudernd: »Lieber duld′ ich bis ans Ende! Traurig folgt mir stets sein Auge, wie ich mich auch dreh′ und wende, und ich sollt′ ihn so belohnen? Fordre nicht, daß ich mich schände!«

»Nun, so gib mir einen Vogel, lustig hör′ ich einen pfeifen, er ist einer von den vielen, die von Land zu Lande schweifen, niemals wird er wiederkehren, immer weiter muß er streifen, und du bist ihm nicht verschuldet, laß mich diesen denn ergreifen.«

»Rühr′ mir nimmer an den Vogel, Flügel wurden ihm gegeben, um mit seinem süßen Liede Erd′ und Himmel zu verweben; droben lauscht der Engel nieder, unten horcht mit freud′gem Beben ihm des Kindes trunk′ne Seele, heilig ist mir solch ein Leben!«

»Eben stürzt in wilder Wüste sich der Leu auf die Gazelle, Angst versteinert ihre Glieder, und sie kann nicht von der Stelle, sichtbar klopfen ihr die Rippen unterm buntbemalten Felle, winke nur, so stürzt der Räuber, und sie springt hinweg zur Quelle.« -

»Frommt der Hindin noch das Leben, hat′s ihr Brahma auch beschieden, und im rechten Augenblicke hilft ein Wunder ihr zum Frieden. Mich verlockst du nicht, zu töten, um mir selbst die Frist hienieden zu verlängern, wie die Ströme meines kranken Bluts auch sieden.«

»Nun, so greif′ in das Gewimmel unrein-ekler Kreaturen, drin die bösen Geister hausen, die das ew′ge Licht verschwuren und zur Strafe ihres Trotzes in die schnöden Larven fuhren: Unken, Spinnen, Kröten, Würmer, alle tragen Teufelsspuren.«

»Büßen sie für ihre Sünden, nun, so büß′ ich für die meinen, auch noch aus der Hölle Tiefen führt ein Weg zurück zum Reinen; wollte ich den letzten hindern, sich Vergebung zu erweinen, würd′ ich eines härtern Fluches als sie alle wert erscheinen.«

»Hoffe nicht, daß sie′s erwidern, rascheln hör′ ich schon die Schlange, die dir droht mit gift′gem Stachel, und dir selbst wird todesbange. Aufgerichtet, wie zum Sprunge, wälzt sie in geschweiftem Gange sich heran, so opfre diese, daß sie rasch den Lohn empfange.« -

»Schließen will ich meine Augen; denn ich kann den Wurm nicht sehen. Aber ist ihm Macht gegeben, werd′ ich nimmer widerstehen. Darf er mir das Leben rauben, muß er auch von seinen Wehen mich befrei′n, wie sollt′ ich zittern? Mag, was kann und soll, geschehen!«

Grimmig schlägt die zorn′ge Schlange jetzt den Zahn in seine Glieder; doch, so wie sie ihn nur ritzte, ist er auch ein Jüngling wieder, aus dem losen Schulterpaare sproßt ihm goldenes Gefieder; Brahma aber ruft vom Himmel: »Schweb′ empor, sonst steig′ ich nieder!«

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Illustration zu Der Brahmine

Interpretation

Das Gedicht "Der Brahmine" von Friedrich Hebbel schildert den qualvollen Tod eines frommen Brahmanen, der trotz seiner Schmerzen nicht bereit ist, Leben zu opfern. Der Tod erscheint ihm in verschiedenen Gestalten und bietet ihm Erlösung an, wenn er ihm Tiere opfert. Doch der Brahmine lehnt standhaft ab und begründet dies mit seiner tiefen Ehrfurcht vor dem Leben. Die zentrale Aussage des Gedichts ist die Unantastbarkeit allen Lebens. Der Brahmine sieht in jedem Geschöpf einen Teil des Göttlichen und will daher nicht zum Mörder werden, selbst wenn ihm dadurch Linderung seiner Qualen versprochen wird. Er erkennt die Verbundenheit allen Seins und will diese nicht durch Gewalt stören. Sein Mitgefühl gilt selbst den kleinsten und verhasstesten Tieren. Am Ende erlöst ihn der Biss einer Schlange, die er nicht töten wollte. Dadurch wird er verwandelt und schwebt als schöner Vogel zum Himmel auf. Das Gedicht endet mit dem Ruf Brahmas, der ihn auffordert aufzusteigen. Damit wird die Unsterblichkeit der Seele und die Überwindung des Todes durch die Hingabe an das Leben ausgedrückt.

Schlüsselwörter

leben kann sonst empor diesen eben sollt vogel

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Stilmittel

Anapher
Und ich sollt' ihn so belohnen? Fordre nicht, daß ich mich schände!
Bildsprache
Eben stürzt in wilder Wüste sich der Leu auf die Gazelle
Hyperbel
die dir Mark und Bein zerschnitten
Kontrast
Schließen will ich meine Augen; denn ich kann den Wurm nicht sehen
Metapher
aus dem losen Schulterpaare sproßt ihm goldenes Gefieder
Personifikation
rascheln hör' ich schon die Schlange
Symbolik
Brahma aber ruft vom Himmel
Vergleich
wie ich mich auch dreh' und wende