Der Botenlauf
1879Blicke gen Himmel gewandt, gebreitete flehende Arme! Murmeln und schallender Ruf kniender Mädchen und Fraun
“Götter, beflügelt den Boten! Entscheidung lieber als Bangnis! Seit sich die Sonne erhob, ringen die Stadt und Tarquin.
Siehe, die Sonne versinkt! Mitkämpfer, Kastor und Pollux, Denkt der verlassenen Fraun, sendet den Boten geschwind!”
Horch! Achthufig Geklirr bergan. Zwei befreundete Reiter! Schon am heiligen Quell spülen die Waffen sie rein.
Dann, zwei gewaltige Jünglinge, stehn auf der ragenden Burg sie, Gegen die schauernden Fraun hat sich der eine gekehrt:
“Freude, knospendes Mädchen! Entschlossene Römerin, Freude! Herrlicher Sieg ist erkämpft! Geht ihr entgegen dem Heer?”
Einer sprichts, und der andere lauscht, zu dem Bruder gewendet. Jetzt in das bleichende Licht springen die Rosse empor.
Einer der Jünglinge schwindet im Abend, es schwindet der andre, Denn wie ein liebendes Paar lassen die Brüder sich nicht.
Über der römischen Feste gewaltigem, dunkelndem Umriss Hebt sich in dämmernder Nacht seliges Doppelgestirn.
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Interpretation
Das Gedicht "Der Botenlauf" von Conrad Ferdinand Meyer erzählt von einem dramatischen Moment im antiken Rom, in dem die Stadt im Kampf gegen Tarquin liegt. Die Frauen und Mädchen flehen die Götter an, den Boten zu beschleunigen, um schneller Gewissheit über den Ausgang der Schlacht zu erhalten. Die Anspannung und die Hoffnung der Menschen sind spürbar, während die Sonne langsam untergeht und die Bangnis wächst. Die Ankunft der beiden befreundeten Reiter, die als Castor und Pollux interpretiert werden können, bringt eine Wendung. Sie waschen ihre Waffen am heiligen Quell und erscheinen als siegreiche Helden auf der Burg. Ihre Anwesenheit und die Botschaft des einen Reiters bringen Erleichterung und Freude in die Herzen der wartenden Frauen. Die Brüder, die sich nicht trennen wollen, symbolisieren die Einheit und den Zusammenhalt, der zum Sieg geführt hat. Das Gedicht endet mit einem Bild der Hoffnung und des Triumphes, als die Brüder im Abendlicht verschwinden und über der römischen Feste ein "seliges Doppelgestirn" am Himmel erscheint. Dieses Bild verweist auf den göttlichen Beistand und die Erfüllung der Gebete der Frauen. Meyer nutzt die antike Mythologie und die dramatische Situation, um Themen wie Hoffnung, Einigkeit und den Glauben an höhere Mächte zu vermitteln.
Schlüsselwörter
Wortwolke

Stilmittel
- Alliteration
- schauern Fraun
- Anapher
- Freude! Herrlicher Sieg ist erkämpft! Geht ihr entgegen dem Heer?
- Apostrophe
- Götter, beflügelt den Boten!
- Enjambement
- Blicke gen Himmel gewandt, gebreitete flehende Arme! Murmeln und schallender Ruf kniender Mädchen und Fraun
- Hyperbel
- Seit sich die Sonne erhob, ringen die Stadt und Tarquin.
- Kontrast
- Einer sprichts, und der andere lauscht, zu dem Bruder gewendet.
- Metapher
- wie ein liebendes Paar lassen die Brüder sich nicht
- Personifikation
- Freude, knospendes Mädchen!
- Symbolik
- seliges Doppelgestirn
- Synästhesie
- achthufig Geklirr bergan