Der Blutstropfen

Conrad Ferdinand Meyer

1825

Zur Zeit der Lese wars im Winzerhaus. Des Herdes goldne Flamme prasselte, Die Fensterscheiben überhauchten sich Und draussen scholl das Evoe geisterhaft Aus Nebeldämmer. Becher klangen. Jung Und alt empfand die bacchische Gewalt. Mit einem zarten Schimmer röteten Selbst ihr die Wangen sich, die unser Gast Und dieser Erde Gast nicht lange war, Ein stilles, scheues, ungezähmtes Kind. Zum Reigen rief Lyäus. Jene schlich Sich weg. Ins Freie blickte sie hinaus Durchs Fenster. Dann beschrieb sie träumerisch Die ganz sich unbeachtet Wähnende Die Scheibe mit dem Finger. Weh! umstellt, Belauert wurde sie von einem Schwarm Und überfallen. Rasch in Trümmer schlug Das Antlitz glutbedeckt, die Scheibe sie Sich selbst verwundend. Dieses Tüchlein hier Das als Reliquie mir im Schreine liegt Fing, über die verletzte Hand gelegt Das Quellen eines Tropfen Blutes auf Der warm ihr eben erst im Herzen rann.

Jung schwand sie hin, und kein Lebendger weiss, Was dort geschrieben auf der Scheibe stand - Als dieser bleiche Tropfen Bluts vielleicht.

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Illustration zu Der Blutstropfen

Interpretation

Das Gedicht "Der Blutstropfen" von Conrad Ferdinand Meyer beschreibt eine Szene im Winzerhaus während der Weinlese. Die Atmosphäre ist festlich und von Weinlaune geprägt, was sich in den Beschreibungen der prasselnden Herdflamme, der überhauchten Fensterscheiben und des geisterhaften Evoe-Rufs aus der Nebeldämmerung zeigt. Die Anwesenden, jung und alt, erliegen der bacchischen Gewalt, einem Zustand der Trunkenheit und Ausgelassenheit. Eine Ausnahme bildet ein stilles, scheues und ungezähmtes Kind, das als Gast auf Erden nur kurz verweilt. Das Kind, von der Feststimmung überfordert, zieht sich zurück und blickt sehnsuchtsvoll ins Freie. Es beginnt, mit dem Finger auf der Fensterscheibe zu zeichnen, während es sich unbeachtet fühlt. Doch plötzlich wird es von einem Schwarm umringt und überfallen. In seiner Verlegenheit und Scham schlägt das Kind die Scheibe mit dem glutbedeckten Antlitz entzwei und verwundet sich dabei selbst. Ein Tuch fängt den austretenden Blutstropfen auf, der zuvor noch warm im Herzen des Kindes geronnen war. Das Gedicht endet mit einem Hauch von Mystik und Traurigkeit. Das Kind ist jung verstorben, und niemand Lebendiger weiß, was es auf der Scheibe geschrieben hatte. Der letzte Vers deutet an, dass der bleiche Blutstropfen möglicherweise die Antwort auf dieses Geheimnis birgt. Das Gedicht thematisiert die Vergänglichkeit des Lebens, die Unschuld und Verletzlichkeit des Kindes sowie die Macht der Emotionen und der Gruppendynamik.

Schlüsselwörter

scheibe jung selbst gast tropfen zeit lese wars

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Stilmittel

Anspielung
Lyäus (Bacchus)
Bildsprache
Nebel, Dämmer, goldne Flamme
Hyperbel
Rasch in Trümmer schlug
Ironie
Gast der Erde
Kontrast
jung und alt
Metapher
Trümmer schlug das Antlitz
Personifikation
Bacchische Gewalt
Symbolik
Reliquie