Der Blumenkranz
1800Dort, wo die Alster sich in engen Ufern krümmt, Und rauschend ihren Lauf durch Busch und Wälder nimmt, Wo deutsche Treue sich beim deutschen Handschlag findet, Des Landmanns froher Fleiß für sich die Garben bindet Und alte Freiheit noch den angeerbten Hut Frisch in die Augen drückt, und unbefehdet ruht; Da ist ein kühler Ort, dem keine Schönheit fehlet, Den Amor hundert Mal der Eifersucht verhehlet, Und dem allein entdeckt, der ihn zum Führer wählet.
Der Zephyr folgt mit Lust den kurzen Wellen nach, Die hier in grüne Tiefen fallen; Die Schäfer nennen′s einen Bach, Wir Dichter fließende Krystallen. Ein dick′ Gesträuch umschränkt die innre Spur, Wohin oft Wunsch und Sehnsucht leiten, Auf diesen Platz lockt uns die Liebe nur, Und ihre Mutter, die Natur.
Hier saß Matild′. Es eilet ihr zur Seiten Ein kleiner Schwarm verbuhlter Fröhlichkeiten: Der schlaue Scherz, die süße Schmeichelei, Die Hoffnung selbst, und Reinhold kömmt herbei, Der sie so oft besingt, so unverstellt verehret, Und in der Einsamkeit sie blos aus Liebe störet.
Auf seinen Wangen ist zu schaun, Anstatt der Jugend Milch, ein lebhaft, männlich Braun. Den Augen fehlt kein Geist, noch Ehrfurcht den Geberden. Er hat, was man gebraucht, nie sehr gehaßt zu werden.
Dies ist des Reinholds Bild, der seiner Schönen Hand Voll auserles′ner Blumen fand, Woraus sie einen Kranz zu knüpfen angefangen, Den unerkauften Schmuck, mit dem nur Hirten prangen.
Allein, sobald sie hier den muntern Freund erblickt, Will ihr die Arbeit nicht, so wie zuvor, gelingen. Fast jeder Stengel wird durch ihr Versehn zerknickt, Und Reinhold wird versandt, ihr frische herzubringen. Er thut es; doch umsonst, und siehet mit Verdruß Die Blumen, die er reicht, so wie die ersten, brechen. Dies, spricht er, ist zu viel! Ich will durch öftern Kuß Die Unvorsichtigkeit bei jeder Blume rächen. Sie lächelt, und schweigt still, fängt auch von neuem an. Wiewol, wer kann vorher des Schicksals Tücke wissen? Da ihr auch der Versuch noch minder glücken kann, So wird der ganze Kranz, voll Ungeduld, zerrissen; Und Reinhold gibt nunmehr gerechter Strenge Raum. Wem wird im Küssen nicht die Rache süßer schmecken? Er nähert sich, sie seufzt: er straft, sie murret kaum. Hier schließt sich Busch und Wald, sie hilfreich zu verstecken.
Man glaubt, sie thaten dies, was einst Aeneas that, Als Dido und der Held in einer Höhle waren. Was aber thaten die? Wer das zu fragen hat, Der ist nicht werth, es zu erfahren.
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Interpretation
Das Gedicht "Der Blumenkranz" von Friedrich von Hagedorn beschreibt eine idyllische, von der Natur umgebene Szene, in der sich die schöne Matild mit ihrem Verehrer Reinhold trifft. Die Kulisse ist ein versteckter, von Liebe und Natur geprägter Ort, an dem sich die beiden in romantischer Zweisamkeit begegnen. Matild versucht, einen Blumenkranz zu flechten, was symbolisch für die zarte und unvollkommene Natur der Liebe steht. Im Verlauf des Gedichts scheitert Matild immer wieder an ihrer Aufgabe, die Blumen zu einem Kranz zu binden, was ihre Nervosität und ihre emotionale Verfassung widerspiegelt. Reinhold bietet seine Hilfe an, doch auch seine Bemühungen sind vergeblich. Schließlich eskaliert die Situation, und die beiden geben sich ihrer Leidenschaft hin, wobei der Blumenkranz zerrissen wird. Dies symbolisiert den Übergang von der zarten Verführung zur erfüllten Liebe. Der Schluss des Gedichts verweist auf die antike Liebesgeschichte von Aeneas und Dido und deutet an, dass die beiden Protagonisten in ihrer intimen Begegnung eine ähnliche Leidenschaft erleben. Hagedorn verwendet dabei eine Mischung aus pastoralen und erotischen Elementen, um die Intensität und Unvermeidlichkeit der Liebe zu betonen.
Schlüsselwörter
Wortwolke

Stilmittel
- Alliteration
- Matild'
- Anspielung
- Man glaubt, sie thaten dies, was einst Aeneas that, Als Dido und der Held in einer Höhle waren
- Bildsprache
- Auf seinen Wangen ist zu schaun, Anstatt der Jugend Milch, ein lebhaft, männlich Braun
- Hyperbel
- Den Augen fehlt kein Geist, noch Ehrfurcht den Geberden
- Metapher
- Wohin oft Wunsch und Sehnsucht leiten
- Personifikation
- Der Zephyr folgt mit Lust den kurzen Wellen nach
- Rhetorische Frage
- Was aber thaten die? Wer das zu fragen hat, Der ist nicht werth, es zu erfahren
- Vergleich
- Die Schäfer nennen's einen Bach, Wir Dichter fließende Krystallen