Der Blume Rache

Ferdinand Freiligrath

1810

Auf des Lagers weichem Kissen Ruht die Jungfrau, schlafbefangen, Tiefgesenkt die braune Wimper, Purpur auf den heißen Wangen.

Schimmernd auf dem Binsenstuhle Steht der Kelch, der reichgeschmückte, Und im Kelche prangen Blumen, Duft’ge, bunte, frischgepflückte.

Brütend hat sich dumpfe Schwüle, Durch das Kämmerlein ergossen, Denn der Sommer scheucht die Kühle, Und die Fenster sind verschlossen.

Stille rings und tiefes Schweigen! Plötzlich, horch! Ein leises Flüstern! In den Blumen, in den Zweigen Lispelt es und rauscht es lüstern.

Aus den Blütenkelchen schweben Geistergleiche Duftgebilde; Ihre Kleider zarte Nebel, Kronen tragen sie und Schilde.

Aus dem Purpurschoß der Rose Hebt sich eine schlanke Frau; Ihre Locken flattern lose, Perlen blitzen drin wie Tau.

Aus dem Helm des Eisenhutes Mit dem dunkelgrünen Laube Tritt ein Ritter kecken Mutes: Schwert erglänzt und Pickelhaube.

Auf der Haube nickt die Feder Von dem silbergrauen Reiher. Aus der Lilie schwankt ein Mädchen; Dünn wie Spinnweb ist ihr Schleier.

Aus dem Kelch des Türkenbundes Kommt ein Neger stolz gezogen; Licht auf seinem grünen Turban Glüht des Halbmonds goldner Bogen.

Prangend aus der Kaiserkrone Schreitet kühn ein Zepterträger; Aus der blauen Iris folgen Schwertbewaffnet seine Jäger.

Aus den Blättern der Narzisse Schwebt ein Knab’ mit düstern Blicken, Tritt ans Bett, um heiße Küsse Auf des Mädchens Mund zu drücken.

Doch ums Lager drehn und schwingen Sich die andern wild im Kreise; Drehn und schwingen sich und singen Der Entschlafnen diese Weise:

“Mädchen, Mädchen! von der Erde Hast du grausam uns gerissen, Daß wir in der bunten Scherbe Schmachten, welken, sterben müssen!

O wie, ruhten wir so selig An der Erde Mutterbrüsten, Wo, durch grüne Wipfel brechend, Sonnenstrahlen heiß uns küßten;

Wo uns Lenzeslüfte kühlten, Unsre schwanken Stengel beugend, Wo wir nachts als Elfen spielten, Unserm Blätterhaus entsteigend.

Hell umfloss uns Tau und Regen; Jetzt umfließt uns trübe Lache; Wir verblühn, doch eh’ wir sterben, Mädchen! Trifft dich unsre Rache!”

Der Gesang verstummt; sie neigen Sich zu der Entschlafnen nieder. Mit dem alten dumpfen Schweigen Kehrt das leise Flüstern wieder.

Welch ein Rauschen, welch ein Raunen; Wie des Mädchens Wangen glühen! Wie die Geister es anhauchen! Wie die Düfte wallend ziehen!

Da begrüßt der Sonne Funkeln Das Gemach; die Schemen weichen. Auf des Lagers Kissen schlummert Kalt die lieblichste der Leichen.

Eine welke Blume selber, Noch die Wange sanft gerötet, Ruht sie bei den welken Schwestern - Blumenduft hat sie getötet!

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Illustration zu Der Blume Rache

Interpretation

Das Gedicht "Der Blume Rache" von Ferdinand Freiligrath erzählt eine unheimliche Geschichte über die Rache von Blumen an einem jungen Mädchen. Die Jungfrau ruht auf ihrem Bett, umgeben von frisch gepflückten Blumen in einem Kelch. In der stickigen Sommerhitze erwachen die Blumen zum Leben und verwandeln sich in verschiedene Gestalten, die ihre Klage über das grausame Schicksal zum Ausdruck bringen. Sie wurden von der Erde gerissen und müssen nun in der Vase welken und sterben, anstatt an der Mutterbrust der Erde zu ruhen und von Sonne, Tau und Regen umflossen zu werden. Die Blumengeister, verkörpert als Ritter, Mädchen, Neger und andere Gestalten, singen ein düsteres Lied der Rache. Sie beklagen ihr Schicksal und schwören, dass das Mädchen ihre Strafe erleiden wird, bevor sie selbst sterben. Die Blumen umkreisen das Bett der schlafenden Jungfrau und ihre Stimmen verschmelzen zu einem leisen Flüstern. Die Düfte der Blumen werden immer intensiver und lassen die Wangen des Mädchens glühen. Als die Sonne das Gemach erhellt, weichen die Schemen der Blumen zurück und das Mädchen erwacht nicht mehr. Sie ist gestorben, umgeben von den welken Blumen, die sie einst gepflückt hatte. Das Gedicht endet mit der Aussage, dass der Blumenduft das Mädchen getötet hat, was die tödliche Macht der Natur und die Konsequenzen des grausamen Handelns des Menschen verdeutlicht.

Schlüsselwörter

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Stilmittel

Alliteration
Sonnenstrahlen heiß uns küßten
Anapher
Wo uns Lenzeslüfte kühlten, Unsre schwanken Stengel beugend, Wo wir nachts als Elfen spielten
Bildsprache
Ihre Kleider zarte Nebel, Kronen tragen sie und Schilde
Enjambement
Doch ums Lager drehn und schwingen / Sich die andern wild im Kreise
Hyperbel
Blumenduft hat sie getötet
Kontrast
Stille rings und tiefes Schweigen! Plötzlich, horch! Ein leises Flüstern!
Metapher
Wo wir nachts als Elfen spielten
Onomatopoesie
Lispelt es und rauscht es lüstern
Personifikation
Aus den Blütenkelchen schweben Geistergleiche Duftgebilde
Reimschema
Küssen - Küsse, Küsse - Küsse
Symbolik
Sonnenstrahlen als Symbol für Leben und Wärme
Vergleich
Dünn wie Spinnweb ist ihr Schleier