Der Blinde
unbekanntNicht im Frührot siehst du mehr Purpurn glühn die Himmelsränder, Nicht den Tag, der hoch daher Wandelt um die Erdenländer, Nicht des Mondes milden Schein, Noch den Frühling und die Rose: Ewig starrt dein Blick allein In die Nacht, die grenzenlose.
Aber herrlich strahlend bricht, Wie Arktur durch Wolkenrisse, Deiner Seele klares Licht Durch des Auges Finsternisse; Denn was andern Blindheit heißt, Gab der Himmel dir als Hülle, Drunter ungestört dein Geist Schwelg′ in reinen Glanzes Fülle.
Hell wie durch ein Seherohr, Schaut er tief im sternbesäten Aetherblau den Reigenchor Aller Sonnen und Planeten, Und das Kreuz, das überm Haupt Unsrer Elterväter kreiste - Längst ist seiner nun beraubt Unser Himmel, der verwaiste.
Fernehin des Orients Thore sieht er aufgeschlossen Und den ersten Erdenlenz Ueber Eden ausgegossen, Sieht von Indiens Kaukasus Hoch aufglühn die Gletscherzinnen Und den Paradiesesfluß Vierfach durch die Länder rinnen;
Sieht die Inseln Griechenlands Glorreich tauchen aus dem Meere, Und der Chöre Feiertanz Um die flammenden Altäre, Und mit Rossen, die den Tag Aus den mächt′gen Nüstern sprühen, Bei der Wogen höherm Schlag Helios nahn im Morgenglühen.
Milde leuchtend immerdar, Dämmert durch der Zukunft Schleier Dir das neue Erdenjahr Und die große Frühlingsfeier, Wenn die Menschen sich, befreit, Nur dem Joch der Liebe fügen, Und, wie in der goldnen Zeit, Lamm und Leu beisammen liegen.
In der Nacht der Blindheit so Mahnst du mich, beglückter Seher, An den Aar, der sonnenfroh Droben schwebt, dem Lichtquell näher; Ach! uns Seh′nde labt sie nicht, Jene lautre Strahlenquelle; Uns erstirbt das höhre Licht In des Tags gemeiner Helle.
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Interpretation
Das Gedicht "Der Blinde" von Adolf Friedrich Graf von Schack handelt von einem blinden Menschen, der trotz seiner fehlenden Sehkraft eine tiefe spirituelle und intellektuelle Verbindung zur Welt um sich herum hat. Der Dichter beschreibt, wie der Blinde in der Nacht, die ihm als grenzenlose Dunkelheit erscheint, eine innere Klarheit und ein leuchtendes Licht in seiner Seele erfährt. Diese innere Vision ermöglicht es ihm, die Schönheit und Pracht der Welt auf eine Weise zu erleben, die über das physische Sehen hinausgeht. Der Dichter vergleicht die innere Erleuchtung des Blinden mit dem Stern Arktur, der durch Wolkenlücken bricht, und betont, dass die Blindheit des Betroffenen eine Hülle ist, unter der sein Geist ungestört in reinem Glanz schwelgen kann. Der Blinde sieht durch ein "Seherohr" tief in den sternbesäten Äther und betrachtet den Reigenchor aller Sonnen und Planeten. Er erinnert sich an das Kreuz, das einst über den Köpfen unserer Vorfahren kreiste, aber nun von unserem verwaisten Himmel genommen wurde. Der Blinde blickt in die Ferne und sieht den Orient mit seinen aufgeschlossenen Toren, den ersten Frühling über Eden ausgegossen, die Gletscherzinnen des Kaukasus in Indien hoch aufglühen und den Paradiesesfluss vierfach durch die Länder fließen. Er betrachtet die Inseln Griechenlands, die glorreich aus dem Meer tauchen, und den Feiertanz der Chöre um die flammenden Altäre. Er sieht Helios, den Sonnengott, mit Rossen, die den Tag aus ihren mächtigen Nüstern sprühen, im Morgenglühen herannahen. Das Gedicht endet mit einer Vision der Zukunft, in der ein neues Erdenjahr und eine große Frühlingsfeier in mildem Licht durch die Schleier der Zukunft dämmert. Der Dichter beschreibt eine Zeit, in der die Menschen befreit sind und sich nur dem Joch der Liebe fügen, und in der Lamm und Löwe beisammen liegen, wie in der goldenen Zeit. Der Blinde mahnt den Dichter an den Adler, der sonnenfroh in der Nähe der Lichtquelle schwebt, und der Dichter bedauert, dass die reinen Strahlen der höheren Lichtquelle die Sehenden nicht laben, sondern in der gewöhnlichen Helle des Tages erlöschen.
Schlüsselwörter
Wortwolke

Stilmittel
- Allusion
- Eden ausgegossen
- Kontrast
- Nicht im Frührot siehst du mehr / Purpurn glühn die Himmelsränder
- Metapher
- In der Nacht der Blindheit
- Vergleich
- An den Aar, der sonnenfroh droben schwebt