Der Blinde und der Lahme

Christian Fürchtegott Gellert

1769

Von ungefähr muß einen Blinden Ein Lahmer auf der Straße finden, Und jener hofft schon freudenvoll, Daß ihn der andre leiten soll.

Dir, spricht der Lahme, beizustehn? Ich armer Mann kann selbst nicht gehn; Doch scheints, daß du zu einer Last Noch sehr gesunde Schultern hast.

Entschließe dich, mich fortzutragen: So will ich dir die Stege sagen: So wird dein starker Fuß mein Bein, Mein helles Auges deines sein.

Der Lahme hängt mit seiner Krücken Sich auf des Blinden breiten Rücken. Vereint wirkt also dieses Paar, Was einzeln keinem möglich war.

Du hast das nicht, was andre haben, Und andern mangeln deine Gaben; Aus dieser Unvollkommenheit Entspringet die Geselligkeit.

Wenn jenem nicht die Gabe fehlte, Die die die Natur für mich erwählte: So würd er nur für sich allein, Und nicht für mich, bekümmert sein.

Beschwer die Götter nicht mit Klagen! Der Vorteil, den sie dir versagen Und jenem schenken, wird gemein, Wir dürfen nur gesellig sein.

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Illustration zu Der Blinde und der Lahme

Interpretation

Das Gedicht "Der Blinde und der Lahme" von Christian Fürchtegott Gellert handelt von zwei körperlich beeinträchtigten Personen, die durch ihre gegenseitige Unterstützung zu einer funktionierenden Einheit werden. Der Blinde kann zwar nicht sehen, aber gehen, während der Lahme zwar sehen kann, aber nicht gehen kann. Durch die Zusammenarbeit und den Austausch ihrer jeweiligen Fähigkeiten können sie gemeinsam mehr erreichen, als jeder von ihnen alleine könnte. Gellert nutzt diese Geschichte als Metapher für die Bedeutung von Geselligkeit und Zusammenarbeit in der Gesellschaft. Er verdeutlicht, dass jeder Mensch unterschiedliche Stärken und Schwächen hat, aber durch den Austausch und die Unterstützung untereinander ein größeres Ganzes entstehen kann. Die Unvollkommenheit des Einzelnen führt somit zur Entstehung sozialer Bindungen und Gemeinschaft. Das Gedicht endet mit der Aufforderung, sich nicht über die vermeintlichen Nachteile oder Benachteiligungen zu beklagen, sondern die Vorteile, die man durch die Gemeinschaft und den Austausch mit anderen Menschen erlangen kann, zu erkennen und zu nutzen. Gellert betont damit die Bedeutung von Empathie, Zusammenhalt und gegenseitiger Unterstützung für ein harmonisches Zusammenleben in der Gesellschaft.

Schlüsselwörter

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Stilmittel

Allegorie
Die Beziehung zwischen dem Blinden und dem Lahmen symbolisiert die menschliche Abhängigkeit und die Notwendigkeit der Zusammenarbeit.
Bildsprache
Der Lahme hängt mit seiner Krücken Sich auf des Blinden breiten Rücken.
Hyperbel
Vereint wirkt also dieses Paar, Was einzeln keinem möglich war.
Ironie
Beschwer die Götter nicht mit Klagen! Der Vorteil, den sie dir versagen Und jenem schenken, wird gemein.
Kontrast
Der Blinde kann nicht sehen, aber er kann gehen; der Lahme kann sehen, aber er kann nicht gehen.
Metapher
Der starke Fuß des Blinden wird zum Bein des Lahmen, und das helle Auge des Lahmen wird zum Auge des Blinden.
Parallelismus
Du hast das nicht, was andre haben, Und andern mangeln deine Gaben.
Personifikation
Die Geselligkeit entspringt aus der Unvollkommenheit.