Der blinde Geiger
unknownEs sitzt ein blinder Geiger Am Markt und spielet auf: Viel Leute gehn vorüber, Doch Niemand höret drauf.
Er spielt die schönsten Weisen Recht aus des Herzens Grund, Und gibt in Sehnsuchtstönen Sein tiefstes Leben kund.
Die Leute gehn und schauen Hinauf am nächsten Haus: Da sieht ein großer Affe Vornehm zum Fenster ‘raus!
Ein junges Kind nur einzig Bleibt bei dem Geiger stehn, Und gibt ihm einen Heller Mild im Vorübergehn.
Die arme Dirn’ ist thöricht, Weil sie der Herzwurm plagt; ‘S ist eine böse Krankheit, Dem Himmel sey’s geklagt!
Wohl weiß ich, was sie heilet; Doch ist das Mittel rar; Die Meisten siechen ewig, Und Viele sterben gar.
Ich selbst, ich bin der Geiger Und spiele mich in Schlaf; Wer aber ist der Affe? Man sagt, er sey ein – Graf!
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Interpretation
Das Gedicht "Der blinde Geiger" von Joseph Christian von Zedlitz handelt von einem blinden Geiger, der am Markt sitzt und auf seiner Geige spielt. Obwohl er die schönsten Weisen aus dem Herzen spielt und sein tiefstes Leben in Sehnsuchtstönen zum Ausdruck bringt, schenkt ihm niemand Beachtung. Die Leute gehen vorbei und schauen interessiert auf einen großen Affen, der vornehm zum Fenster hinausblickt. Nur ein einziges junges Kind bleibt bei dem Geiger stehen und gibt ihm einen Heller, als es vorübergeht. Das Gedicht verdeutlicht die Gleichgültigkeit und den Mangel an Empathie in der Gesellschaft. Während der blinde Geiger mit seiner Musik versucht, seine Seele zum Ausdruck zu bringen, werden seine Bemühungen ignoriert. Die Menschen sind mehr an oberflächlichen Erscheinungen interessiert, wie dem Affen, der als etwas Besonderes wahrgenommen wird. Nur das kindliche Mitgefühl des Mädchens durchbricht diese Gleichgültigkeit und zeigt, dass wahre Menschlichkeit in der Fähigkeit liegt, auf die Bedürfnisse anderer einzugehen. Das Gedicht endet mit einer Reflexion des Erzählers, der sich selbst als den Geiger identifiziert. Er fragt sich, wer der Affe ist und deutet an, dass es sich um einen Grafen handeln könnte. Diese Schlusszeile lässt Raum für Interpretationen und könnte auf die soziale Ungleichheit und den Kontrast zwischen dem einfachen Geiger und dem adligen Grafen hinweisen. Insgesamt vermittelt das Gedicht eine melancholische Stimmung und regt zum Nachdenken über die Werte und Prioritäten der Gesellschaft an.
Schlüsselwörter
Wortwolke

Stilmittel
- Ironie
- Man sagt, er sey ein – Graf!
- Metapher
- Und gibt in Sehnsuchtstönen / Sein tiefstes Leben kund
- Personifikation
- Die Leute gehn und schauen / Hinauf am nächsten Haus: / Da sieht ein großer Affe / Vornehm zum Fenster 'raus!