Der Blinde
1912Man setzt ihn hinter einen Gartenzaun. Da stört er nicht mit seinen Quälerein. “Sieh dir den Himmel an!” Er ist allein. Und seine Augen fangen an zu schaun.
Die toten Augen. “O, wo ist er, wie Ist den der Himmel? Und wo ist sein Blau? O Blau, was bist du? Stets nur weich und rauh Fühlt meine Hand, doch eine Farbe nie.
Nie Purpurrot der Meere. Nie das Gold Des Mittags auf den Feldern, nie den Schein Der Flamme, nie den Glanz im edlen Stein, Nie langes Haar, das durch die Kämme rollt.
Niemals die Sterne. Wälder nie, nie Lenz Und seine Rosen. Stets durch Grabesnacht Und rote Dunkelheit werd ich gebracht In grauenvollem Fasten und Karenz.”
Sein bleicher Kopf steigt wie ein Lilienschaft Aus magrem Hals. Auf seinem dürren Schlund Rollt wie ein Ball des Adamsapfels Rund. Die Augen quellen aus der engen Haft,
Ein Paar von weißen Knöpfen. Denn der Strahl Des weißen Mittags schreckt die Toten nicht. Der Himmel taucht in das erloschene Licht Und spiegelt in dem bleiernen Opal.
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Interpretation
Das Gedicht "Der Blinde" von Georg Heym schildert das Schicksal eines blinden Menschen, der von der Gesellschaft isoliert wird. Er wird hinter einen Gartenzaun gesetzt, um seine Qualen nicht zu stören. Allein und ohne die Fähigkeit zu sehen, versucht er sich die Welt vorzustellen und sehnt sich nach den Farben und Schönheiten, die ihm verwehrt bleiben. Seine toten Augen versuchen zu schauen, aber sie können nur die Dunkelheit wahrnehmen. Die Sehnsucht des Blinden nach den Farben und Schönheiten der Welt wird in den folgenden Strophen deutlich. Er fragt sich, wie der Himmel aussieht und wo das Blau ist. Er kann die Farben nicht fühlen, sondern nur die Texturen berühren. Er vermisst den Purpurrot der Meere, das Gold des Mittags auf den Feldern, den Schein der Flamme und den Glanz in edlen Steinen. Er sehnt sich nach langem Haar, das durch die Kämme rollt, nach den Sternen, Wäldern und dem Frühling mit seinen Rosen. Stattdessen wird er immer wieder durch die Dunkelheit der Nacht und die rote Dunkelheit gebracht, in einem grauenvollen Fasten und Karenz. Die letzte Strophe beschreibt den körperlichen Zustand des Blinden. Sein bleicher Kopf erhebt sich wie ein Lilienschaft aus seinem dünnen Hals. Der Adamsapfel rollt wie ein Ball auf seinem dürren Schlund. Seine Augen quellen aus der engen Haft, wie ein Paar weißer Knöpfe. Der weiße Mittagsschein erschreckt die Toten nicht, und der Himmel taucht in das erloschene Licht und spiegelt sich in dem bleiernen Opal. Das Gedicht endet mit einem düsteren Bild, das die Isolation und die innere Dunkelheit des Blinden verdeutlicht.
Schlüsselwörter
Wortwolke

Stilmittel
- Alliteration
- Fühlt meine Hand, doch eine Farbe nie
- Anapher
- Nie Purpurrot der Meere. Nie das Gold... Nie langes Haar
- Hyperbel
- Und rote Dunkelheit werd ich gebracht
- Kontrast
- Der weiße Mittagsstrahl schreckt die Toten nicht
- Personifikation
- Die toten Augen... fangen an zu schaun