Der blaue Abend

Hugo Ball

1927

Es wettert Lichtkomplex vom Himmel auf die Straßen, Aus Fensterfronten wandeln hoch die blauen Huren. Oh holde Stunde sanfter Mädchennasen, Oh Unisono und Zusammenklang der Turm- und Taschenuhren!

Der Mond steigt in die Rundung metaphysisch höher, Ein Pferd macht müde sich′s bequem in einem Vogelneste. Verzückt entschwebt dem Volk ein violetter Seher, Und schwarzer Violinklang tönt aus dem Asbeste.

Glasbläserei und Kuppel weißer Bögen, Wölbt hoch euch aus dem Lichtkreis dieser Stadt! Es ist, als ob aus Finsternis viel Tränen zögen Und kranken Gottes Haupt erglänzet matt.

Es lehnen sich die Häuser blond zurücke. Sind Türme weiße Engel, die entschweben. Vom Himmel stürzt zur Hölle eine Brücke, Auf der die Toten händeringend kleben.

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Illustration zu Der blaue Abend

Interpretation

Das Gedicht "Der blaue Abend" von Hugo Ball ist eine surrealistische Darstellung einer nächtlichen Stadtlandschaft, die durch ungewöhnliche und traumhafte Bilder geprägt ist. Die erste Strophe beschreibt das Eintauchen des Abends in die Straßen, wobei das Licht wie ein "Wetterkomplex" vom Himmel fällt und aus den Fenstern "blaue Huren" hervortreten. Diese Bilder erzeugen eine surreale und beinahe bedrohliche Atmosphäre, die durch die Erwähnung der "sanften Mädchennasen" und des "Unisono" der Uhren kontrastiert wird. In der zweiten Strophe steigt der Mond metaphorisch höher, und ein Pferd findet sich in einem Vogelnest wieder, was die surreale Natur des Gedichts weiter verstärkt. Ein violetter Seher entflieht der Menge, während der Klang einer schwarzen Violine aus dem Asbest ertönt. Diese Bilder sind symbolisch und tragen zur geheimnisvollen und traumhaften Stimmung des Gedichts bei. Die dritte Strophe beschreibt die Stadt als einen Ort, an dem Glasbläserei und weiße Bögen aus dem Lichtkreis emporsteigen. Es entsteht der Eindruck, als ob Tränen aus der Finsternis gezogen werden und das Haupt eines kranken Gottes matt erstrahlt. In der letzten Strophe neigen sich die Häuser zurück, und die Türme werden zu weißen Engeln, die entschweben. Eine Brücke stürzt vom Himmel zur Hölle, auf der die Toten verzweifelt klammern. Diese Bilder vermitteln eine Atmosphäre von Verfall, Verzweiflung und dem Übergang zwischen Leben und Tod.

Schlüsselwörter

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Wortwolke

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Stilmittel

Alliteration
sanfter Mädchennasen
Hyperbel
Ein Pferd macht müde sich's bequem in einem Vogelneste
Metapher
Brücke, auf der die Toten händeringend kleben
Personifikation
Die Häuser blond zurücke