Der Bettler

Johann Peter Hebel

1803

“En alte Maa, en arme Maa, er spricht Ich um e Wohltat a. E Stückli Brot ab Euem Tisch, wenn’s Eue guete Willen isch ! He jo, dur Gotts Wille ! In Sturm un Wetter, arm un bloß, gibore bin i uf der Strooß, un uf der Strooß in Sturm un Wind erzogen, arm, e Bettelchind. Druf wo n i chräftig worde bi, un d’Eltere sinn gstorbe gsi, se han i denkt: Saldatetod isch besser weder Bettelbrot. I ha in schwarzer Wetternacht vor Laudons Zelt un Fahne gwacht; i bi bym Paschal Paoli in Korsika Draguner gsi, un gfochte han i wie ne Maa un Bluet an Gurt un Säbel gha. I bi vor mengger Batterii, i bi in zwenzig Schlachte gsi un ha mit Treu un Tapferkait dur Schwert un Chugle’s Lebe trait. Zletscht henn si mi mit lahmem Arm ins Elend gschickt. Daß Gott erbarm! He jo, dur Gotts Wille ! " “Chumm, arme Maa ! I gunn der’s, wie n i’s selber ha. Un helf der Gott uus dyner Not un tröst di, bis es besser goht.” “Vergelt’s der Gott un dank der Gott, du zarten Engel, wyß un rot; un geb der Gott e brave Maa! - Was luegsch mi so biwegli a? Hesch öbben au ne Schatz im Zelt, mit Schwert un Roß im wyte Feld? Biwahr di Gott vor Weh un Laid un geb dym Schatz e sicher Glait un bring der ball e gsunde Maa! s geht zimli scharf vor Mantua. s cha sii, i chönnt der Meldig gee. - Was luegsch mi a un wirsch wie Schnee un saisch nit: Henk dy Bettelgwand, dy falsche graue Bart an d’Wand? Jetz bschau mi recht, un chennsch mi no? Geb Gott, i seig Gottwilche do !” “Heer Jesis, der Fridli, my Fridli isch do! Gottwilche, Gottwilche, wohl chenn i di no ! Wohl het mi biglaitet dy lieblichi Gstalt uf duftige Matten, im schattige Wald. Wohl het di biglaitet my bchümmeret Herz dur Schwerter un Chugle mit Hoffnig un Schmerz un briegget un bettet. Gott het mer willfahrt un het mer my Fridli un het mer en gspart. Wie chlopft’s mer im Buese, wie bin i so froh! O Muetter, chumm waidli, my Fridli isch do!”

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Illustration zu Der Bettler

Interpretation

Das Gedicht "Der Bettler" von Johann Peter Hebel erzählt die bewegende Geschichte eines alten, armen Mannes, der um Brot bittet. In seiner Not schildert er sein hartes Leben, das von Armut und Krieg geprägt war. Er berichtet von seinen Erfahrungen als Soldat, von Schlachten und seinem Dienst unter verschiedenen Befehlshabern. Trotz seiner Tapferkeit und Treue endete seine militärische Laufbahn in Elend aufgrund einer Verletzung. Die zweite Strophe offenbart eine überraschende Wendung, als die Frau, die dem Bettler zu essen gibt, erkennt, dass es sich um ihren lang vermissten Ehemann handelt. Die emotionale Intensität steigert sich, als sie ihn als "Fridli" anspricht und ihre tiefe Freude und Erleichterung zum Ausdruck bringt. Die Sprache wird dabei emotionaler und persönlicher, was die Intimität des Wiedersehens unterstreicht. Das Gedicht thematisiert die Schicksale von Soldaten, die nach ihrem Dienst oft in Armut und Obdachlosigkeit enden. Es zeigt auch die unerwartete Freude und Erleichterung, die ein Wiedersehen nach langer Trennung mit sich bringen kann. Die Verwendung des Alemannischen Dialekts verleiht dem Gedicht eine besondere Authentizität und Nähe.

Schlüsselwörter

gott maa het isch dur fridli mer arm

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Stilmittel

Alliteration
Sturm un Wetter
Anapher
En alte Maa, en arme Maa
Anspielung
Vor Laudons Zelt un Fahne
Bildsprache
Duftige Matten, im schattige Wald
Hyperbel
Druf wo n i chräftig worde bi
Ironie
Was luegsch mi so biwegli a?
Kontrast
Armut und Tapferkeit
Metapher
Arm, un bloß
Metonymie
Schwert un Roß
Personifikation
Druf wo n i chräftig worde bi
Rhetorische Frage
Was luegsch mi so biwegli a?
Symbolik
Bettelgwand
Wiederholung
Gottwilche, Gottwilche