Der Besuch
1876Oft des Tags und oft des Abends Wall’ ich an das Ziel der Sehnsucht, Aus der Stadt durchtobten Straßen In der Vorstadt still’re Welt.
Ueber unsres Stromes Brücke Zieh’ ich hin mit raschem Schritte, Wie ein Geist so still und schweigsam Durch den lärmend lauten Schwarm.
Und dann rechts? – ach nein, zur Linken! Seht, kaum weiß ich mehr es selber; Dann grad fort? – ach nein, zur Rechten, Um die Ecke rasch gewandt!
Seltsam! – ging ich nie doch irre Auf der schönen heil’gen Wallfahrt; Dennoch, Freunde, kann ich nimmer Künden euch den Weg dahin.
Kann kein Häuschen an der Straße Zeichnen euch mit sichern Händen. Also kennt man wohl die Sterne, Aber nicht den Weg dahin!
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Interpretation
Das Gedicht "Der Besuch" von Anastasius Grün handelt von einer innigen Sehnsucht und einer geheimnisvollen Wallfahrt zu einem besonderen Ort. Der lyrische Ich wandert täglich und abends aus der lauten Stadt in die ruhigere Vorstadt, um an sein Ziel der Sehnsucht zu gelangen. Die Reise führt über eine Brücke und durch die belebten Straßen, wobei der Ich-Erzähler still und schweigsam wie ein Geist durch die Menge geht. Die genaue Route zu diesem Ort bleibt jedoch rätselhaft und unklar. Der Erzähler scheint sich selbst nicht sicher zu sein, ob er rechts oder links abbiegen soll, ob er geradeaus oder um die Ecke gehen muss. Obwohl er diesen Weg schon oft gegangen ist und nie den Weg verloren hat, kann er ihn nicht genau beschreiben oder den anderen zeigen. Diese Unbestimmtheit und das Geheimnisvolle unterstreichen die tiefe emotionale Bedeutung dieses Ortes für den Erzähler. Das Gedicht endet mit einer metaphorischen Aussage, die die Unbegreiflichkeit und die Einzigartigkeit dieser Wallfahrt betont. Der Erzähler vergleicht seinen Weg mit dem der Sterne - man kann die Sterne sehen und kennt sie, aber den genauen Weg zu ihnen kann niemand beschreiben. So bleibt der Ort der Sehnsucht ein geheimnisvolles Ziel, das nur durch das innere Gefühl und die emotionale Verbindung des Erzählers erreicht werden kann.
Schlüsselwörter
Wortwolke

Stilmittel
- Alliteration
- grad fort
- Bildlichkeit
- Ueber unsres Stromes Brücke
- Kontrast
- Aus der Stadt durchtobten Straßen / In der Vorstadt still’re Welt
- Metapher
- Wie ein Geist so still und schweigsam
- Paradox
- Dennoch, Freunde, kann ich nimmer / Künden euch den Weg dahin
- Rhetorische Frage
- Seht, kaum weiß ich mehr es selber
- Vergleich
- Also kennt man wohl die Sterne, / Aber nicht den Weg dahin
- Wiederholung
- Oft des Tags und oft des Abends