Der beste Sinn, das Fühlen

Kaspar Stieler

1660

Du bist es, edles Fühlen, du schönster Sinn allein, dehm aller Tichter Kielen zu Dienste sollen sein, und ihm ein Lobmahl sezzen das nicht Gewalt noch Zeit, noch Unfall kan verlezzen, biß nach der Ewigkeit.

Kommt her, ihr Weißheit-Gründer, ihr Priester der Natur, kommt alle Föbus-Kinder, wofern ihr nur der Spur der Wahrheit nachzugehen ein wenig seid gesinnt: so sollt ihr mir gestehen daß fühlen überwindt.

Gesicht, die Götter-Gabe, so zwar unschäzbar ist, bringt manchen zu dem Grabe, der sich zu sehr vergist in einer Schönen blikken, was ich nicht sehen kan, das kan mich nicht bestrikken noch sträfflich reizen an.

Das hören bringt offt Schrekken und schafft Uneinigkeit. Was Musik kan erwekken, währt eine kurze Zeit. Ach! manche wird bethöret, wenn sie der Rede Tohn der Junggesellen höret, und kömmt in Spott und Hohn.

Geruch ist kaum zunennen, sein Tuhn hat schlechten Dank. Die Rosen-wind nicht kennen, veriaget kein Gestank. Ein Mensche kan wol leben, und hätt′ ihm nimmermehr das Riechen Lust gegeben. Bleibt Schmekken denn die Ehr.

Dem Wollust-vollen Schmekken, dem Lufft, Fluht, Erde dient, dem Vogel junge hekken, dem Wald und Wiese grünt, umb den der Fischer leget die falschen Reusen ein, ists nicht, der Beutel feget, und heißt uns kranke sein.

In Fühlen nur alleine besteht der Sinnen Grund, ohn diesen Leben keine. Aug, Ohren, Nase, Mund, ergreiffen keine Sachen die ihnen Gegend stehn. Was alle Sinnen machen, muß erst durch den geschehn.

Du aller Sinnen König nimst gar die Seel′ auch ein, der Leib ist dir zu wenig. bedenkt den Kuß allein, da das besüßte Rühren der Lippen mehr ergezzt, als keiner von den vieren uns in Vergnügung sezzt.

Der Hände drukk, das Reiben an unsrer Liebsten Brust, und was man nicht darff schreiben, die wolbekannte Lust, darum wir alle lieben, Guht, Leben wagen hin in Kunst und Krieg′ uns üben, ist mehr als aller Sinn.

Diß ist es, schaz Rosille, daß ich so gern an dir des Fühlens Werk erfülle. Vergönn mir für und für nur diß bey dir zu üben, so wil ich nimmermehr Geruch, Schmakk, Sehen Lieben und hassen das Gehör.

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Illustration zu Der beste Sinn, das Fühlen

Interpretation

Das Gedicht "Der beste Sinn, das Fühlen" von Kaspar Stieler preist das Gefühl als den höchsten und edelsten Sinn. In den zehn Strophen argumentiert der Autor, dass das Fühlen allen anderen Sinnen überlegen ist und die Grundlage allen Lebens bildet. Stieler kritisiert die anderen Sinne wie Sehen, Hören, Riechen und Schmecken als vergänglich, täuschend oder begrenzt. Nur das Fühlen, so Stieler, ist ewig, wahrhaftig und befriedigend. Er beschreibt das Fühlen als den "König aller Sinne", der sogar die Seele ergreift. Das Gedicht endet mit einem Appell an die Geliebte Rosille, dem Sprecher zu erlauben, das Gefühl an ihr zu erfüllen und zu üben, anstatt sich auf die anderen Sinne zu verlassen.

Schlüsselwörter

kan fühlen aller alle leben sinnen sinn allein

Wortwolke

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Stilmittel

Alliteration
Diß ist es, schaz Rosille
Anapher
Kommt her, ihr Weißheit-Gründer, ihr Priester der Natur, kommt alle Föbus-Kinder
Bildsprache
die falschen Reusen ein, itts nicht, der Beutel feget
Direkte Anrede
Diß ist es, schaz Rosille
Hyperbel
und ihm ein Lobmahl sezzen das nicht Gewalt noch Zeit, noch Unfall kan verlezzzen
Kontrast
Gesicht, die Götter-Gabe, so zwar unschäzbar ist, bringt manchen zu dem Grabe
Metapher
du schönster Sinn allein, dehm aller Tichter Kielen zu Dienste sollen sein
Parallelismus
Aug, Ohren, Nase, Mund
Personifikation
Du bist es, edles Fühlen
Rhetorische Frage
wofern ihr nur der Spur der Wahrheit nachzugehen ein wenig seid gesinnt: so sollt ihr mir gestehen
Symbolik
der Hände drukk, das Reiben an unsrer Liebsten Brust
Vergleich
das besüßte Rühren der Lippen mehr ergezzt
Übertreibung
als keiner von den vieren uns in Vergnügung sezzt