Logo der Website, Schriftzug "Poesie Oase" mit Palmen umrandet.
, , , , , , , , , , , ,

Der beste Sinn, das Fühlen

Von

1.

Du bist es, edles Fühlen,
du schönster Sinn allein,
dehm aller Tichter Kielen
zu Dienste sollen sein,
und ihm ein Lobmahl sezzen
das nicht Gewalt noch Zeit,
noch Unfall kan verlezzen,
biß nach der Ewigkeit.

2.

Kommt her, ihr Weißheit-Gründer,
ihr Priester der Natur,
kommt alle Föbus-Kinder,
wofern ihr nur der Spur
der Wahrheit nachzugehen
ein wenig seid gesinnt:
so sollt ihr mir gestehen
daß fühlen überwindt.

3.

Gesicht, die Götter-Gabe,
so zwar unschäzbar ist,
bringt manchen zu dem Grabe,
der sich zu sehr vergist
in einer Schönen blikken,
was ich nicht sehen kan,
das kan mich nicht bestrikken
noch sträfflich reizen an.

4.

Das hören bringt offt Schrekken
und schafft Uneinigkeit.
Was Musik kan erwekken,
währt eine kurze Zeit.
Ach! manche wird bethöret,
wenn sie der Rede Tohn
der Junggesellen höret,
und kömmt in Spott und Hohn.

5.

Geruch ist kaum zunennen,
sein Tuhn hat schlechten Dank.
Die Rosen-wind nicht kennen,
veriaget kein Gestank.
Ein Mensche kan wol leben,
und hätt′ ihm nimmermehr
das Riechen Lust gegeben.
Bleibt Schmekken denn die Ehr.

6.

Dem Wollust-vollen Schmekken,
dem Lufft, Fluht, Erde dient,
dem Vogel junge hekken,
dem Wald und Wiese grünt,
umb den der Fischer leget
die falschen Reusen ein,
ists nicht, der Beutel feget,
und heißt uns kranke sein.

7.

In Fühlen nur alleine
besteht der Sinnen Grund,
ohn diesen Leben keine.
Aug, Ohren, Nase, Mund,
ergreiffen keine Sachen
die ihnen Gegend stehn.
Was alle Sinnen machen,
muß erst durch den geschehn.

8.

Du aller Sinnen König
nimst gar die Seel′ auch ein,
der Leib ist dir zu wenig.
bedenkt den Kuß allein,
da das besüßte Rühren
der Lippen mehr ergezzt,
als keiner von den vieren
uns in Vergnügung sezzt.

9.

Der Hände drukk, das Reiben
an unsrer Liebsten Brust,
und was man nicht darff schreiben,
die wolbekannte Lust,
darum wir alle lieben,
Guht, Leben wagen hin
in Kunst und Krieg′ uns üben,
ist mehr als aller Sinn.

10.

Diß ist es, schaz Rosille,
daß ich so gern an dir
des Fühlens Werk erfülle.
Vergönn mir für und für
nur diß bey dir zu üben,
so wil ich nimmermehr
Geruch, Schmakk, Sehen Lieben
und hassen das Gehör.

Gedicht als Bild, zum Downloaden und Teilen

Gedicht: Der beste Sinn, das Fühlen von Kaspar Stieler

Kurze Interpretation des Gedichts

Das Gedicht „Der beste Sinn, das Fühlen“ von Kaspar Stieler ist eine Lobpreisung des Gefühls als dem überragenden Sinn des Menschen. Es wird in zehn Strophen das Fühlen als Quelle von Wissen, Freude und wahrer Existenz gegenüber den anderen Sinnen wie Sehen, Hören, Riechen und Schmecken hervorgehoben, die als begrenzt oder sogar irreführend dargestellt werden. Das Gedicht ist durchzogen von einer didaktischen Absicht, die dem Leser die Überlegenheit des Fühlens verdeutlichen möchte.

In den ersten beiden Strophen wird das Fühlen als „edler Sinn“ und „schönster Sinn allein“ gepriesen, dem die Dichter dienen sollen. Es wird als unvergänglich und von Zeit und Unfall unberührt beschrieben. In den nachfolgenden Strophen werden die anderen Sinne kritisch betrachtet. Das Sehen kann zu Verblendung und dem Tod führen, das Hören kann Schrecken und Uneinigkeit verursachen, das Riechen hat kaum einen Wert und das Schmecken dient der Wollust, die krank machen kann. Diese negativen Beispiele dienen dazu, die Einzigartigkeit und den Wert des Fühlens zu unterstreichen, das alle anderen Sinne umfasst und überwindet.

Die zentralen Strophen 7 und 8 betonen die allumfassende Natur des Fühlens. Es ist der „Sinnen Grund“, ohne den kein Leben möglich ist. Es ergreift alle Dinge, die von den anderen Sinnen wahrgenommen werden, und dringt bis in die Seele vor. In Strophe 8 wird sogar die körperliche Vereinigung, insbesondere der Kuss, als das „besüßte Rühren“ der Lippen hervorgehoben, das mehr Vergnügen bereitet als alle anderen Sinne zusammen. Dies verdeutlicht die enge Verbindung des Fühlens mit der sinnlichen Erfahrung und der Liebe.

Die abschließenden Strophen 9 und 10 gipfeln in einer Apotheose des Fühlens, insbesondere in Bezug auf die körperliche Intimität und Liebe. Der „Hände drukk“, das „Reiben an unsrer Liebsten Brust“ und die „wolbekannte Lust“ werden als der eigentliche Antrieb für menschliche Handlungen wie Kunst, Krieg und das Wagnis des Lebens dargestellt. Das Gedicht endet mit einer persönlichen Widmung an „schaz Rosille“, der der Dichter das Fühlen widmen möchte und im Austausch dafür auf die anderen Sinne verzichtet. Dies unterstreicht die persönliche und intime Natur der Wertschätzung des Fühlens.

Weitere Informationen

Hier finden sich noch weitere Informationen zu diesem Gedicht und der Seite.

Lizenz und Verwendung

Dieses Gedicht fällt unter die „public domain“ oder Gemeinfreiheit. Gemeinfreiheit bedeutet, dass ein Werk nicht (mehr) durch Urheberrechte geschützt ist und daher von allen ohne Erlaubnis des Urhebers frei genutzt, vervielfältigt und verbreitet werden darf. Sie tritt meist nach Ablauf der gesetzlichen Schutzfrist ein, z. B. 70 Jahre nach dem Tod des Autors. Weitere Informationen dazu finden sich hier.