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Der Besessene
Die Sonne ward vom schwarzen Flor umhüllt.
O meines Lebens Mond verlösch die Strahlen;
Umwölk′ dich, schlummre ein, verstumm′ in Qualen
Und sink ins Leere tief und leider füllt:
So lieb′ ich dich. Doch bist du heut gewillt,
Ein neuer Stern aus Schatten, neblig fahlen,
Mit deinem Glanz vor Toren hell zu prahlen,
So funkle Dolch, dein Sehnen sei gestillt!
Entflamme deinen Blick an tausend Kerzen!
Entflamme Gier in tausend rohen Herzen!
Wild oder matt, nur Lust kann dir entblühn;
Sei, was du willst, sei Nacht, sei rosiges Glühn;
All meine Fibern fühl ich nach dir beben:
Mein König Belzebub dein ist mein Leben!
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Kurze Interpretation des Gedichts
Das Gedicht „Der Besessene“ von Charles Baudelaire ist eine düstere und leidenschaftliche Ode an die Obsession und die Hingabe an das Verderben. Der Sprecher des Gedichts, ein von tiefen Emotionen gepeinigter Mensch, wendet sich an eine übergeordnete Macht, die er als „Mond“ seines Lebens oder gar als „König Belzebub“ bezeichnet. Das Gedicht zeichnet sich durch eine starke Sehnsucht nach Dunkelheit und Leid aus, die im Widerspruch zur Sehnsucht nach dem Licht steht.
Die ersten beiden Strophen beschreiben eine Welt, in der die Sonne verhüllt ist und der Mond aufgefordert wird, zu erlöschen. Diese Bilder suggerieren eine Sehnsucht nach Dunkelheit und Leere, nach dem Aufgeben von Licht und Leben. Der Sprecher scheint Trost in der Qual und dem Verlust zu finden, wobei er sich in einem Zustand der Verzweiflung und Hingabe an die Dunkelheit gefällt. Die Metapher der Sonne und des Mondes deutet auf eine dualistische Natur der menschlichen Erfahrung hin, in der Licht und Dunkelheit, Leben und Tod untrennbar miteinander verbunden sind. Die Aufrufe an den Mond sind von einer seltsamen Liebe durchdrungen, die sich in der Erwartung von Schmerz manifestiert.
In den folgenden Versen des Gedichts wird die innere Zerrissenheit des Sprechers noch deutlicher. Er wünscht dem Mond, der nun als ein „neuer Stern“ erscheint, einen Triumph und eine strahlende Präsenz, aber gleichzeitig formuliert er Drohungen und Wünsche nach Leid und Tod („funkle Dolch“). Diese Ambivalenz spiegelt die widersprüchliche Natur des menschlichen Verlangens wider, das zwischen Anziehung und Abstoßung, Liebe und Hass oszilliert. Der Sprecher scheint sowohl die Macht des Mondes, der hier wohl die dunkle Seite der Seele oder eine teuflische Macht darstellt, zu verehren als auch die Kontrolle darüber auszuüben.
Die letzten Verse kulminieren in einer ergreifenden Hingabe an die dunkle Macht. Der Sprecher fordert den Mond auf, sich mit tausend Kerzen zu entflammen, die Gier zu wecken und sich in alle Richtungen zu manifestieren. Er nimmt dabei die Dualität des Mondes, die Nacht und das Glühen gleichermaßen an. Die abschließende Zeile „Mein König Belzebub dein ist mein Leben!“ ist ein erschütterndes Bekenntnis zur völligen Unterwerfung und Hingabe an das Böse. Das Gedicht ist somit ein eindringliches Zeugnis für die dunklen Abgründe der menschlichen Seele und die Verlockung des Verderbens.
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Lizenz und Verwendung
Dieses Gedicht fällt unter die „public domain“ oder Gemeinfreiheit. Gemeinfreiheit bedeutet, dass ein Werk nicht (mehr) durch Urheberrechte geschützt ist und daher von allen ohne Erlaubnis des Urhebers frei genutzt, vervielfältigt und verbreitet werden darf. Sie tritt meist nach Ablauf der gesetzlichen Schutzfrist ein, z. B. 70 Jahre nach dem Tod des Autors. Weitere Informationen dazu finden sich hier.