Der bescheidne Schäfer
Mein Schäfer, ach! der ist bescheiden!
Er liebt mich, zärtlich liebt er mich!
Der Innbegriff von seinen Freuden,
Sagt er mir öfters, sey nur ich:
Doch bleibt er allezeit bescheiden.
Jüngst ließ die Mutter uns alleine;
Was denkst du, ist alsdenn geschehn?
Da stand er starr, gleich einem Steine,
Guckt in den Hut, und wolte gehn,
Und ach! wir waren ganz alleine!
Gedicht als Bild, zum Downloaden und Teilen

Kurze Interpretation des Gedichts
Das Gedicht „Der bescheidne Schäfer“ von Christian Felix Weiße ist eine humorvolle und ironische Darstellung der Liebe und des Werbens in der ländlichen Idylle. Das Gedicht präsentiert einen Schäfer, der für seine Bescheidenheit bekannt ist, und beleuchtet die Diskrepanz zwischen seinen Worten der Zuneigung und seinem tatsächlichen Verhalten. Die Autorin verwendet eine leichte und verspielte Sprache, um die Geschichte zu erzählen, was dem Gedicht seinen Charme verleiht.
In den ersten Strophen preist das lyrische Ich die Bescheidenheit des Schäfers und betont seine Liebe zu ihr. Er versichert ihr, dass sie der Mittelpunkt seiner Freuden ist. Allerdings bleibt seine Bescheidenheit so ausgeprägt, dass sie sich fast ins Gegenteil verkehrt. Die Wiederholung des Wortes „bescheiden“ unterstreicht diesen Charakterzug und etabliert einen Erwartungswert. Der Leser erwartet, dass die Bescheidenheit des Schäfers in seinen Handlungen zum Ausdruck kommt, was sich jedoch in der zweiten Strophe als äußerst zurückhaltend erweist.
Die zweite Strophe schildert einen entscheidenden Moment: Die beiden sind allein, nachdem die Mutter sie verlassen hat. In diesem Augenblick der Intimität, in dem man eine Reaktion des Schäfers erwartet, verharrt er in völliger Bewegungslosigkeit, wie ein Stein. Er starrt in seinen Hut und denkt ans Gehen, was die Erwartungen des Lesers und des lyrischen Ichs unterläuft. Dieses Verhalten wird als ironische Pointe des Gedichts eingesetzt und betont die Diskrepanz zwischen seinen Worten und Taten.
Die Pointe des Gedichts liegt in der unerwarteten Reaktion des Schäfers. Anstatt die Gelegenheit zu nutzen, um seine Zuneigung zu beweisen oder eine Liebeserklärung abzugeben, zieht er sich in sich selbst zurück. Diese Situation ist komisch, weil sie das Klischee des schüchternen Verehrers aufgreift und gleichzeitig die Erwartungen des Lesers unterläuft. Das Gedicht zeigt auf humorvolle Weise die Schwierigkeiten des Werbens und die oft ungeschickten Versuche, Zuneigung auszudrücken. Die Ironie liegt darin, dass die Bescheidenheit des Schäfers dazu führt, dass er die Gelegenheit verpasst, seine Liebe zu bekunden, was das Gedicht zu einer leichten und amüsanten Beobachtung menschlichen Verhaltens macht.
Hier finden sich noch weitere Informationen zu diesem Gedicht und der Seite.
Lizenz und Verwendung
Dieses Gedicht fällt unter die „public domain“ oder Gemeinfreiheit. Gemeinfreiheit bedeutet, dass ein Werk nicht (mehr) durch Urheberrechte geschützt ist und daher von allen ohne Erlaubnis des Urhebers frei genutzt, vervielfältigt und verbreitet werden darf. Sie tritt meist nach Ablauf der gesetzlichen Schutzfrist ein, z. B. 70 Jahre nach dem Tod des Autors. Weitere Informationen dazu finden sich hier.