Der Berg und der Poet
1732Ihr Götter, rettet! Menschen, flieht! Ein schwangrer Berg beginnt zu kreisen, Und wird jetzt, eh′ man sich′s versieht, Mit Sand und Schollen um sich schmeißen. Er brüllt, er kracht, und Thal und Feld Sind durch gerechte Furcht entstellt. Was kann dem nahen Unfall wehren? Es wird ein Wunderwerk geschehn: Er muß mit Städten trächtig stehn, Und bald ein neues Rom gebären.
Suffenus schwitzt und lärmt und schäumt, Nichts kann den hohen Eifer zähmen; Er stampft, er knirscht; warum? er reimt, Und will jetzt den Homer beschämen. So setzt sich Pythons Priesterin Halb rasend auf den Dreifuß hin, Und spürt in Hirn und Busen Wehen. Was ist der stolzen Feder Frucht? Was wirkt des Dichters Wirbelsucht? Zum mindsten, glaub′ ich, Odysseen!
Allein, gebt Acht, was kömmt heraus? Hier ein Sonnet, dort eine Maus.
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Interpretation
Das Gedicht "Der Berg und der Poet" von Friedrich von Hagedorn vergleicht die Schöpfung eines Dichters mit der Geburt eines Berges. Der Berg, der zu kreisen beginnt und droht, mit Sand und Schollen um sich zu werfen, wird als Metapher für den kreativen Prozess eines Dichters verwendet. Die Menschen fliehen vor der drohenden Gefahr, während der Berg mit Städten trächtig steht und bald ein neues Rom gebären wird. Dies symbolisiert die Erwartung, dass der Dichter etwas Großartiges und Monumentales schaffen wird. Der zweite Teil des Gedichts stellt Suffenus vor, einen Dichter, der schwitzt, lärmt und schäumt, während er versucht, den Homer zu beschämen. Seine Anstrengungen werden mit denen der Pythons Priesterin verglichen, die sich auf den Dreifuß setzt und in einen Zustand der Raserei verfällt. Die Wirbelsucht des Dichters wird als die Geburtswehen seiner Schöpfung dargestellt, wobei die Erwartung auf epische Werke wie die Odysseen gerichtet ist. Im letzten Teil des Gedichts wird die Erwartungshaltung enttäuscht. Anstatt eines großen Werkes bringt der Dichter lediglich ein Sonnet oder eine Maus hervor. Dies verdeutlicht die Diskrepanz zwischen der großen Anstrengung und den bescheidenen Ergebnissen des kreativen Prozesses. Das Gedicht kritisiert somit die oft überhöhten Erwartungen an die Dichtkunst und die Realität der kreativen Produktion.
Schlüsselwörter
Wortwolke

Stilmittel
- Antithese
- Hier ein Sonnet, dort eine Maus
- Hyperbel
- Mit Sand und Schollen um sich schmeißen
- Ironie
- Zum mindsten, glaub' ich, Odysseen!
- Metapher
- Was wirkt des Dichters Wirbelsucht?
- Personifikation
- Er brüllt, er kracht
- Vergleich
- So setzt sich Pythons Priesterin / Halb rasend auf den Dreifuß hin