Der Berg der Seligkeit
1892Ein Bergesrücken stillbesonnt, Allum der duftge Horizont! - Hier sass der Christ und rings im Kreis Die Galiläer, stufenweis Gelagert, auf den steilen Triften. Der Meister lobt′ der Lilie Kleid, Hiess göttlich Werk das Friedestiften Und rühmte die Barmherzigkeit. Er liess die Segensschwingen breiten All seines Reiches Seligkeiten. Dann ist er sacht hinabgegangen … Und hat am Kreuzesstamm gehangen.
Am Berg der Seligkeiten irrten Der Hirtin Stapfen und des Hirten. Wie Wolken still, wie Stürme brausend, Zog dran vorüber ein Jahrtausend. Die Lilie blieb des Lobes froh, Sie kleide sich wie Salomo, Die Luft, drin nie das Erz erscholl Ist noch von Friedeworten voll. Drommetenstoss! Jach klimmt empor Ein Heer, das Schlacht und Raum verlor.
Kreuzritter sinds, von Saladin Versprengt, die wild zur Höhe fliehn! Heiss unter ihren Schritten her Entflammt den dürren Rasen er, In schwarzen Wolken wallt der Qualm. Schlachtrosse schnauben auf der Alm. Scharf pfeifen Sarazenenpfeile Durch dieses Fluchtgedränges Eile. Fort! Ein verfärbter Purpur weht, Ein junger König wankt entkräftet, Doch dieses Reiches Majestät Ist König Christ, ans Kreuz geheftet, Drum tragen sie das Kreuz voran, Der Welterbarmer schwebte dran, Das bittre Kreuz, davon herab Er seines Mordes Schuld vergab. Sie wuschens dann mit roten Bächen, Um des Erbarmers Tod zu rächen … Das Wüten, Morden, Bluten, Streiten Ersteigt den Berg der Seligkeiten. Erklommen ist der Gipfel jetzt, Und hinter ihm erbraust das Meer. Der Kurdenschleuder ausgesetzt, Steht auf dem Kulm das Christenheer.
Drommetenstoss! “Der Heiland lebt! Christus regiert!” Der Berg erbebt. “Hilf, König, der gekreuzigt wurde!” - “Zielt auf das Kreuz!” befiehlt der Kurde. “Wie blöde Falter um die Flamme, So flattern sie am Kreuzesstamme!” Es saust. Steilnieder zu der Bucht Stürzt Ross und Reiter in die Schlucht. Das Kreuz mit Glut und brünstger Hast Umfängt ein Mönch und hälts umfasst: “Hörst, König, du der Heiden Spott? Vernichte sie, verhöhnter Gott! In heller Rüstung komm gefahren Mit deines Vaters Engelscharen!
Lebst du, regierst du, Christe, nicht?” Kein Engelschwert erblitzt im Licht. Die Luft verfinstert Pfeilgesaus - “Komm!” schreit der Mönch und atmet aus.
Des Himmels innigtiefer Schein Umfliesst ein menschenleer Gestein. Vom Schwert erkämpft, vom Schwert zerstört, Dies Reich hat nicht dem Christ gehört.
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Interpretation
Das Gedicht "Der Berg der Seligkeit" von Conrad Ferdinand Meyer erzählt eine tragische Geschichte, die sich auf einem Berg abspielt. Es beginnt mit einer friedlichen Szene, in der Christus die Bergpredigt hält und die Seligpreisungen verkündet. Doch diese Idylle wird jäh unterbrochen, als Christus ans Kreuz genagelt wird. Das Gedicht springt dann ins Mittelalter, wo Kreuzritter auf der Flucht vor Saladin den Berg erklimmen. In ihrer Verzweiflung und ihrem Glauben an die Macht des Kreuzes tragen sie es als Symbol voran. Doch ihr Glaube wird auf eine harte Probe gestellt, als sie von Kurden angegriffen werden. Ein Mönch fleht Christus an, einzugreifen und die Heiden zu vernichten, doch es bleibt still. Das Christenheer wird vernichtet und der Berg, der einst ein Ort der Seligpreisungen war, wird zu einem Ort des Todes und der Zerstörung.
Schlüsselwörter
Wortwolke

Stilmittel
- Metapher
- Dies Reich hat nicht dem Christ gehört
- Personifikation
- Allum der duftge Horizont