Der Beleidiger der Majestät

Friedrich von Hagedorn

1754

Ein König, dem an Macht und Weisheit keiner glich, Erwies sich jederzeit im Herrschen väterlich. Sein Liebling, dessen Glück, so lang′ er treulich diente, So, wie ein starker Baum an frischen Quellen, grünte, Verscherzte seine Huld durch schnöden Hochverrath, Ward Seiner Feinde Freund, verwirrte Seinen Staat, Und durfte durch Gewalt Gesetz und Recht vernichten, Mit Blut sich Häuser baun, und um Geschenke richten.

Der gütige Monarch ermahnt′ ihn mit Geduld, Und sprach: Undankbarer! verehre meine Huld, Die Huld, die deinen Stand mit reichem Segen schmücket, So kräftig dich beschützt, so unverdient beglücket; Du sollst, der höchsten Schmach und Strafe zu entgehn, Was du verübet hast, mir insgeheim gestehn. Erkenne deine Schuld, so wird sie dir vergeben: Das Leben schenk′ ich dir, nur weihe mir dein Leben.

Den Frevler, dessen Herz ein Herz voll Tücke war, Erweicht′ und schreckte nichts. Er lachte der Gefahr. Drauf ward er, ein Gefühl der Reue zu erlangen, Recht über einer Kluft an Faden aufgehangen: Die schnitt man nach und nach, und immer einzeln, ab, Da ihm des Richters Gunst stets neue Fristen gab. Man hoffte, doch umsonst, er würde sich noch fassen, Selbst sein Erretter sein, und nicht sein Leben hassen.

Er sah, und sah auch nicht die Größe seiner Noth, Die Folge blinder Wahl, den stündlich nähern Tod. Kein Schrecken, keine Reu′ erweckte sein Gewissen. Der Thor verblich verstockt, bis alle Faden rissen, Und der Unselige fand seiner Bosheit Ziel, Als er, beim letzten Schnitt, in Kluft und Abgrund fiel.

Der Herr, der Heilige, der Richter unsrer Väter, Ist der Monarch voll Huld; der Mensch der Missethäter; Ein Faden jedes Jahr, das Er zur Buße gönnt; Die Kluft der ew′ge Pful, der jeden Frevler brennt, Der wider eignes Heil mit frecher Unart streitet, Und den nicht Huld noch Ernst den Weg des Lebens leitet.

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Illustration zu Der Beleidiger der Majestät

Interpretation

Das Gedicht "Der Beleidiger der Majestät" von Friedrich von Hagedorn ist eine tiefgründige Allegorie über die menschliche Natur, die Sünde und die göttliche Gnade. Es erzählt die Geschichte eines Königs, der einen treuen Diener hat, der sich jedoch durch Verrat und Missbrauch der Macht schuldig macht. Der König, der als Symbol für Gottes Güte und Vergebung steht, bietet dem Verräter mehrfach die Möglichkeit, seine Schuld zu erkennen und zu bereuen. Trotz dieser Gnade bleibt der Verräter stur und verstockt, bis er schließlich in die Tiefe stürzt. Die Struktur des Gedichts folgt einem klaren Muster: Der erste Teil beschreibt den Verrat und die Reaktion des Königs, der zweite Teil schildert die Versuche des Königs, den Verräter zur Reue zu bewegen, und der dritte Teil zeigt das tragische Ende des Verräters. Diese Struktur unterstreicht die unerbittliche Logik der göttlichen Gerechtigkeit, die letztlich den Frevler für seine Bosheit bestraft. Die Verwendung von Bildern wie dem "Faden" und der "Kluft" verstärkt die metaphorische Bedeutung des Gedichts. Der Faden symbolisiert die Zeit, die Gott den Menschen zur Buße gibt, während die Kluft die ewige Verdammnis darstellt. Diese Bilder verdeutlichen die Endgültigkeit des göttlichen Gerichts und die Konsequenzen der menschlichen Unbußfertigkeit. Das Gedicht dient somit als eindringliche Warnung vor der Verstocktheit des Herzens und der Notwendigkeit der Reue, um der ewigen Verdammnis zu entgehen.

Schlüsselwörter

huld leben kluft faden dessen ward recht monarch

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Stilmittel

Hyperbel
Mit Blut sich Häuser baun
Metapher
Die Kluft der ew′ge Pful, der jeden Frevler brennt
Personifikation
Die Huld, die deinen Stand mit reichem Segen schmücket
Vergleich
So, wie ein starker Baum an frischen Quellen, grünte