Der Auszug des verlorenen Sohnes

Rainer Maria Rilke

1927

Nun fortzugehn von alle dem Verworrnen, das unser ist und uns doch nicht gehört, das, wie das Wasser in den alten Bornen, uns zitternd spiegelt und das Bild zerstört; von allem diesen, das sich wie mit Dornen noch einmal an uns anhängt - fortzugehn und Das un Den, die man schon nicht mehr sah (so täglich waren sie und so gewöhnlich), auf einmal anzuschauen: sanft, versöhnlich und wie an einem Anfang und von nah und ahnend einzusehn, wie unpersönlich, wie über alle hin das Leid geschah, von dem die Kindheit voll war bis zum Rand-: Und dann noch fortzugehen, Hand aus Hand, als ob man ein Geheiltes neu zerrisse, und fortzugehn: wohin? Ins Ungewisse, weit in ein unverwandtes warmes Land, das hinter allem Handeln wie Kulisse gleichgültig sein wird: Garten oder Wand; und fortzugehn: warum? Aus Drang, aus Artung, aus Ungeduld, aus dunkler Erwartung, aus Unverständlichkeit und Unverstand: Dies alles auf sich nehmen und vergebens vielleicht Gehaltnes fallen lassen, um allein zu sterben, wissend nicht warum -

Ist das der Eingang eines neuen Lebens?

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Illustration zu Der Auszug des verlorenen Sohnes

Interpretation

Das Gedicht "Der Auszug des verlorenen Sohnes" von Rainer Maria Rilke handelt von der Reise des Selbst, einem Auszug aus dem Vertrauten und Bekannten in ein ungewisses, unerforschtes Land. Es ist eine metaphorische Darstellung des menschlichen Lebens, das von Verwirrung und Schmerz geprägt ist, und der Sehnsucht nach einem neuen Anfang, einem neuen Leben. Das Gedicht beginnt mit dem Wunsch, sich von allem zu lösen, was uns umgibt und doch nicht wirklich zu uns gehört. Es geht um das Loslassen von Erinnerungen, von Beziehungen, von der Vergangenheit, die uns wie ein Spiegelbild erscheint, das zittert und das Bild zerstört. Es geht um das Abschütteln von allem, was sich wie Dornen an uns festkrallt, um die Freiheit zu erlangen, die wir so sehr begehren. Im zweiten Teil des Gedichts wird die Reise in das Unbekannte beschrieben. Es ist eine Reise ohne Ziel, ohne klaren Grund, getrieben von Drang, Artung, Ungeduld und dunkler Erwartung. Es ist eine Reise, die uns in ein unverwandtes, warmes Land führt, das hinter allem Handeln wie eine Kulisse gleichgültig sein wird. Es ist eine Reise, die uns dazu bringt, alles auf uns zu nehmen und zu vergeben, Gehaltnes fallen zu lassen und allein zu sterben, ohne zu wissen warum. Im letzten Teil des Gedichts stellt sich die Frage, ob dies der Eingang zu einem neuen Leben ist. Es ist eine Frage, die uns zum Nachdenken anregt über die Natur des Lebens und des Todes, über die Bedeutung von Freiheit und Selbstbestimmung, über die Suche nach dem Sinn des Lebens. Es ist eine Frage, die uns dazu bringt, über unsere eigenen Reisen, unsere eigenen Auszüge, unsere eigenen Suchen nach einem neuen Leben nachzudenken.

Schlüsselwörter

fortzugehn alle allem einmal hand warum verworrnen gehört

Wortwolke

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Stilmittel

Alliteration
Unverständlichkeit und Unverstand
Frage
Ist das der Eingang eines neuen Lebens?
Hyperbel
von dem die Kindheit voll war bis zum Rand
Metapher
um allein zu sterben, wissend nicht warum
Personifikation
das sich wie mit Dornen noch einmal an uns anhängt