Der Aufbruch

Ernst Stadler

1914

Einmal schon haben Fanfaren mein ungeduldiges Herz blutig gerissen,

Daß es, aufsteigend wie ein Pferd, sich wütend ins Gezäum verbissen.

Damals schlug Tambourmarsch den Sturm auf allen Wegen,

Und herrlichste Musik der Erde hieß uns Kugelregen.

Dann, plötzlich, stand Leben stille. Wege führten zwischen alten Bäumen.

Gemächer lockten. Es war süß, zu weilen und sich versäumen,

Von Wirklichkeit den Leib so wie von staubiger Rüstung zu entketten,

Wollüstig sich in Daunen weicher Traumstunden einzubetten.

Aber eines Morgens rollte durch Nebelluft das Echo von Signalen,

Hart, scharf, wie Schwerthieb pfeifend. Es war wie wenn im Dunkel plötzlich Lichteraufstrahlen.

Es war wie wenn durch Biwakfrühe Trompetenstöße klirren,

Die Schlafenden aufspringen und die Zelte abschlagen und die Pferde schirren.

Ich war in Reihen eingeschient, die in den Morgen stießen, Feuer über Helm undBügel,

Vorwärts, in Blick und Blut die Schlacht, mit vorgehaltnem Zügel.

Vielleicht würden uns am Abend Siegesmärsche umstreichen,

Vielleicht lägen wir irgendwo ausgestreckt unter Leichen.

Aber vor dem Erraffen und vor dem Versinken

Würden unsre Augen sich an Welt und Sonne satt und glühend trinken.

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Illustration zu Der Aufbruch

Interpretation

Das Gedicht "Der Aufbruch" von Ernst Stadler beschreibt die innere Zerrissenheit zwischen der Sehnsucht nach Ruhe und dem unwiderstehlichen Drang zur Bewegung und zum Kampf. Es beginnt mit einem Rückblick auf eine frühere Erfahrung, bei der Fanfaren das Herz des lyrischen Ichs in Aufruhr versetzt haben. Die Musik und der Tambourmarsch wecken den Wunsch nach Aktion und Bewegung, symbolisiert durch den Sturm auf allen Wegen und den Kugelregen. Im zweiten Teil des Gedichts beschreibt das lyrische Ich eine Phase der Ruhe und des Innehaltens. Die Wege führen zwischen alten Bäumen, Gemächer locken, und es ist süß, sich von der Wirklichkeit zu lösen und in weiche Traumstunden einzubetten. Diese Phase der Entspannung und des Genusses wird jedoch jäh unterbrochen durch das Echo von Signalen, das durch die Nebelluft rollt. Die Signale sind hart und scharf, wie ein Schwerthieb, und erinnern an das Aufleuchten von Lichtern im Dunkeln oder an das Klirren von Trompetenstößen in der Biwakfrühe. Im letzten Teil des Gedichts beschreibt das lyrische Ich den Aufbruch in den Kampf. Es reiht sich in eine Gruppe ein, die in den Morgen stößt, mit Feuer über Helm und Bügel. Der Blick und das Blut sind auf die Schlacht gerichtet, mit vorgehaltenem Zügel. Das lyrische Ich ist sich bewusst, dass es am Abend entweder von Siegesmärschen umstreicht werden könnte oder irgendwo unter Leichen liegen könnte. Doch vor dem Erraffen und dem Versinken werden die Augen sich an Welt und Sonne satt und glühend trinken. Das Gedicht endet mit einer optimistischen Note, die den Kampf und die Gefahr als Teil des Lebens akzeptiert und die Schönheit der Welt auch inmitten des Chaos wertschätzt.

Schlüsselwörter

plötzlich vielleicht würden einmal fanfaren ungeduldiges herz blutig

Wortwolke

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Stilmittel

Metapher
Würden unsre Augen sich an Welt und Sonne satt und glühend trinken
Personifikation
Dann, plötzlich, stand Leben stille.
Vergleich
Es war wie wenn durch Biwakfrühe Trompetenstöße klirren