Der arme Sänger

Joseph Christian von Zedlitz

1790

»Was läuft das Volk zusammen?« Ein Schifflein stößt vom Strand: Inmitten steht der König, rothgolden sein Gewand, Auf seinem Haupt die Krone wirft lichten Schein umher, Als leuchtete die Sonne hellglänzend in das Meer.

»Wer steht selb Ihm der Zweite?« Das ist ein Sänger arm; Hat nichts als seine Cither und als sein Herze warm. Sein süßes Lieb beim Scheiden ihm einen Schleier gab, Der kommt wohl nie im Leben von seiner Brust herab!

Das Schifflein schwimmt von dannen, die Winde wehen gut, Des freuet sich der König und spricht in frohem Muth: »Nun stimme frisch, o Sänger, uns lust’ge Weisen an, Daß wacker auf den Wellen der Nachen tanzen kann.«

Der Sänger schlägt die Saiten; nichts hemmt die muntre Fahrt, Als Sturmgewölk am Himmel man dicht umher gewahrt, Das Meer fängt an zu kochen, und dumpf erbrandend grollt Die Fluth, indeß von oben hoch her der Donner rollt.

Und All’ im Schiff erbleichen! Der Sänger nur, in Ruh’, Sieht dem empörten Streiten des Wogenschwalles zu. Der Tod kann ihm nichts rauben; die heil’ge Poesie Und die allmächt’ge Liebe sterben im Busen nie.

Da faßt der Sturm den Nachen und schleudert ihn hinab, Wo aufgerissen gähnet des Abgrunds schaurig Grab. – Der König ringet mächtig; doch Kron und Mantel, schwer Von Golde, ziehn ihn nieder – er taucht – versinkt im Meer!

»Was hebt sich aus den Wogen, was schimmert weiß und licht?« – Das ist der arme Sänger; die Fluth behielt ihn nicht! Es bot ihm seinen Rücken der Delphin dienend dar, Um ihn wölbt’ sich zum Segel des Liebchens Schleier klar.

So schifft Er durch die Stürme, Er weckt der Saiten Klang, Da ebnen sich die Wogen den Wasserweg entlang, Und hell tönt’s aus den Fluthen: »Ja, heil’ge Poesie Und die allmächt’ge Liebe sterben im Busen nie!«

Wenn auch der Mund verstummte des Sängers, und im Hain Längst ein versunkner Hügel schon deckt die Asche sein: Es tönen seine Worte auf andern Lippen fort! Des freut sich seine Seele noch überm Strome dort!

Sie, die sein Herz erkoren, verherrlicht im Gesang, Trägt weit auf goldnen Flügeln der gluthdurchhauchte Klang In künft’ge Zeit hinüber; und ob Er starb, Sie lebt! So lang von seinen Liedern ein leiser Nachhall bebt!

Dieß Lied hab’ ich gesungen beim ersten Frühlingsschein: Der Schönsten soll’s zum Preise, zum Angebinde seyn!

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Illustration zu Der arme Sänger

Interpretation

Das Gedicht "Der arme Sänger" von Joseph Christian von Zedlitz erzählt die Geschichte eines Königs und eines armen Sängers, die gemeinsam auf einem Schiff unterwegs sind. Der König ist reich und mächtig, während der Sänger nur seine Zither und sein warmes Herz besitzt. Trotz ihrer Unterschiede teilen sie die Reise, doch ein Sturm bricht aus und das Schiff gerät in Gefahr. Während der König und die anderen an Bord vor Angst erstarren, bleibt der Sänger ruhig und gelassen. Er weiß, dass weder der Tod noch die stürmischen Fluten die heilige Poesie und die allmächtige Liebe in seinem Herzen zerstören können. Als der Sturm das Schiff erfasst und der König ertrinkt, rettet sich der Sänger auf wundersame Weise. Ein Delphin bietet ihm seinen Rücken an, und der Schleier seiner Geliebten dient als Segel, um ihn durch die stürmischen Wellen zu tragen. Das Gedicht endet mit der Botschaft, dass die Worte und Lieder des Sängers auch nach seinem Tod weiterleben. Seine Seele freut sich noch immer über die Flüsse und Ströme, und seine Geliebte, die er im Gesang verherrlicht hat, wird durch seine Lieder in zukünftige Zeiten getragen. Der Dichter selbst singt dieses Lied als Lobpreisung der Schönheit und als Gabe zum Frühlingsanfang.

Schlüsselwörter

sänger könig meer nie schifflein steht umher schleier

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Stilmittel

Alliteration
Der Tod kann ihm nichts rauben
Anspielung
Der Delphin dienend dar
Hyperbel
Als leuchtete die Sonne hellglänzend in das Meer
Kontrast
Der König ringet mächtig; doch Kron und Mantel, schwer Von Golde, ziehn ihn nieder
Metapher
Das ist ein Sänger arm; Hat nichts als seine Cither und als sein Herze warm.
Personifikation
Das Meer fängt an zu kochen
Symbolik
Des Liebchens Schleier
Wiederholung
Und die allmächt'ge Liebe sterben im Busen nie