Der arme Kranke und der Tod
1754Ein Greis, den Alter, Frost und Gram, Und Gicht und Krampf und Hunger krümmten, Dem oft sein bittres Weh die Lust zum Leben nahm, Das Zeit und Schicksal ihm bestimmten, Rief voller Ungeduld und Noth: Ach! komm′ doch bald, gewünschter Tod! Der Tod erschien, die Qual zu heben; Da fleht′ er, aus verzagtem Sinn: Freund, geht zu meinem Nachbar hin Und laßt mich armen Alten leben.
So weibisch ist der meisten Herz; Auch brechend wünscht es kaum zu sterben. Verfolgung, Drangsal, Schimpf, Noth, Armuth, Krankheit, Schmerz, Nichts wird dem Tode Gunst erwerben. Ihn hält ein zärtlicher Mäcen Auch auf der Folter nicht so schön; Vielleicht starb Cato nicht gelassen. Oft scheuet der, den Krebs und Aussatz frißt, Der sein und andrer Scheusal ist, Mehr als dies alles, sein Erblassen.
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Interpretation
Das Gedicht "Der arme Kranke und der Tod" von Friedrich von Hagedorn erzählt die Geschichte eines alten, von zahlreichen Leiden geplagten Mannes, der den Tod herbeisehnt, um seiner Qualen erlöst zu werden. In seiner Verzweiflung ruft er den Tod herbei, doch als dieser erscheint, fleht der Greis plötzlich um sein Leben und bittet den Tod, stattdessen seinen Nachbarn zu holen. Dieses paradoxe Verhalten verdeutlicht die menschliche Scheu vor dem tatsächlichen Sterben, selbst in aussichtslosen Situationen. Das Gedicht kritisiert die menschliche Natur als "weibisch" und feige, da selbst inmitten von Verfolgung, Drangsal, Schimpf, Not, Armut, Krankheit und Schmerz der Tod nicht willkommen geheißen wird. Hagedorn stellt die Frage, ob selbst der stoische Cato, bekannt für seinen Mut und seine Standhaftigkeit, im Angesicht des Todes gelassen geblieben wäre. Die Ironie liegt darin, dass der Tod, der den Leidenden erlösen könnte, oft gefürchtet wird, selbst von jenen, die von Krankheiten wie Krebs oder Aussatz gezeichnet sind und anderen als "Scheusal" erscheinen. Durch diese Erzählung und die folgenden Reflexionen verdeutlicht Hagedorn die Ambivalenz des Menschen gegenüber dem Tod. Während das Leben von Leiden und Schmerzen geprägt sein mag, ist die Furcht vor dem Tod oft größer als die Sehnsucht nach Erlösung. Das Gedicht regt zum Nachdenken über die menschliche Natur, die Angst vor dem Unbekannten und die paradoxe Beziehung zwischen Leben und Tod an.
Schlüsselwörter
Wortwolke

Stilmittel
- Alliteration
- Verfolgung, Drangsal, Schimpf, Noth, Armuth, Krankheit, Schmerz
- Anspielung
- Vielleicht starb Cato nicht gelassen
- Hyperbel
- Auch brechend wünscht es kaum zu sterben
- Ironie
- Da fleht′ er, aus verzagtem Sinn: Freund, geht zu meinem Nachbar hin Und laßt mich armen Alten leben
- Metapher
- Ein Greis, den Alter, Frost und Gram, Und Gicht und Krampf und Hunger krümmten
- Personifikation
- Der Tod erschien, die Qual zu heben
- Vergleich
- Ihn hält ein zärtlicher Mäcen Auch auf der Folter nicht so schön