Der Antritt des neuen Jahrhunderts

Friedrich von Schiller

1801

Edler Freund! Wo öffnet sich dem Frieden, Wo der Freiheit sich ein Zufluchtsort? Das Jahrhundert ist im Sturm geschieden, Und das neue öffnet sich mit Mord.

Und das Band der Länder ist gehoben, Und die alten formen stürzen ein; Nicht das Weltmeer hemmt des Krieges Toben, Nicht der Nilgott und der alte Rhein.

Zwo gewalt′ge Nationen ringen, Um der Welt alleinigen Besitz; Aller Länder Freiheit zu verschlingen, Schwingen sie den Dreizack und den Blitz.

Gold muss ihnen jede Landschaft wägen, Und, wie Brennus in der rohen Zeit, Legt der Franke seinen ehrnen Degen In die Waage der Gerechtigkeit.

Seine Handelsflotten streckt der Britte Gierig wie Polypenarme aus, Und das Reich der freien Amphitrite Will er schließen, wie sein eignes Haus.

Zu des Südpols nie erblickten Sternen Dringt sein rastlos ungehemmter Lauf; Alle Inseln spürt er, alle fernen Küsten - nur das Paradies nicht auf.

Ach, umsonst auf allen Ländercharten Spähst du nach dem seligen Gebiet, Wo der Freiheit ewig grüner Garten, Wo der Menschheit schöne Jugend blüht.

Endlos liegt die Welt vor deinen Blicken, Und die Schifffahrt selbst ermisst sie kaum, Doch auf ihrem unermessnen Rücken Ist für zehen Glückliche nicht Raum.

In des Herzens heilig stille Räume Musst du fliehen aus des Lebens Drang! Freiheit ist nur in dem Reich der Träume, Und das Schöne blüht nur im Gesang.

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Illustration zu Der Antritt des neuen Jahrhunderts

Interpretation

Das Gedicht "Der Antritt des neuen Jahrhunderts" von Friedrich von Schiller ist eine kritische Auseinandersetzung mit der politischen und gesellschaftlichen Lage zu Beginn des 19. Jahrhunderts. Schiller beklagt den Übergang vom alten ins neue Jahrhundert, das nicht mit Frieden und Freiheit, sondern mit Krieg und Gewalt einhergeht. Die beiden mächtigen Nationen, die im Gedicht erwähnt werden, werden als gierig und expansionistisch dargestellt, die danach streben, die Welt und ihre Ressourcen zu beherrschen. Im zweiten Teil des Gedichts reflektiert Schiller über die Suche nach einem Ort der Freiheit und des Glücks. Er stellt fest, dass trotz der Weite der Welt und der Fortschritte in der Schifffahrt kein Platz für wahres Glück und Freiheit zu finden ist. Stattdessen schlägt er vor, in die stillen Räume des Herzens zu fliehen, wo Freiheit nur in Träumen und Schönheit nur in Gesang zu finden sind. Dies kann als eine Art Flucht in die Kunst und die innere Welt interpretiert werden, als Antwort auf die Unruhe und den Mangel an Freiheit in der äußeren Welt.

Schlüsselwörter

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Stilmittel

Anspielung
Und, wie Brennus in der rohen Zeit
Metapher
Und das Schöne blüht nur im Gesang
Personifikation
Nicht der Nilgott und der alte Rhein