Der andere Mann
1890Du lernst ihn in einer Gesellschaft kennen. Er plaudert. Er ist zu dir nett. Er kann dir alle Tenniscracks nennen. Er sieht gut aus. Ohne Fett. Er tanzt ausgezeichnet. Du siehst ihn dir an… Dann tritt zu euch beiden dein Mann.
Und du vergleichst sie in deinem Gemüte. Dein Mann kommt nicht gut dabei weg. Wie er schon dasteht - du liebe Güte! Und hinten am Hals der Speck! Und du denks bei dir so: “eigentlich … Der da wäre ein Mann für mich ! "
Ach, gnädige Frau! Hör auf einen wahren Und guten alten Papa! Hättst du den Neuen: in ein, zwei Jahren Ständest du ebenso da! Dann kennst du seine Nuancen beim Kosen; Dann kennst du ihn in Unterhosen; Dann wird er satt in deinem Besitze; Dann kennst du alle seine Witze. Dann siehst du ihn in Freude und Zorn, Von oben und unten, von hinten und vorn … Glaub mir: wenn man uns näher kennt, Gibt sich das mit dem happy end. Wir sind manchmal reizend, auf einer Feier … Und den Rest des Tages ganz wie Herr Meyer. Beurteil uns nie nach den besten Stunden.
Und hast du einen Kerl gefunden, Mit dem man einigermaßen auskommen kann: dann bleib bei dem eigenen Mann!
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Interpretation
Das Gedicht "Der andere Mann" von Kurt Tucholsky beschreibt eine alltägliche Situation, in der eine Frau auf einer Gesellschaft einen charmanten und attraktiven Mann kennenlernt und ihn mit ihrem eigenen Ehemann vergleicht. Der neue Bekannte erscheint perfekt und idealisiert, während der Ehemann weniger vorteilhaft dasteht. Dies führt zu dem Gedanken, dass der neue Mann möglicherweise der bessere Partner wäre. Tucholsky nutzt diese Szene, um eine tiefere Botschaft zu vermitteln. Er warnt davor, andere Menschen nur nach ihrem äußeren Erscheinungsbild oder ihrem Verhalten in geselligen Situationen zu beurteilen. Der "andere Mann" mag auf den ersten Blick reizend wirken, aber mit der Zeit würden sich auch bei ihm weniger attraktive Seiten zeigen, genauso wie bei jedem anderen Menschen auch. Die anfängliche Faszination würde verblassen, und die Realität einer langfristigen Beziehung würde zum Vorschein kommen. Abschließend rät Tucholsky, den eigenen Partner nicht leichtfertig aufzugeben, nur weil jemand anderes in bestimmten Momenten besser zu sein scheint. Er betont, dass es wichtiger ist, mit dem Partner auszukommen und die Beziehung zu schätzen, anstatt sich von vergänglichen Eindrücken leiten zu lassen. Das Gedicht plädiert für Beständigkeit und realistische Erwartungen in der Liebe.
Schlüsselwörter
Wortwolke

Stilmittel
- Alliteration
- Dein Mann kommt nicht gut dabei weg.
- Hyperbel
- Von oben und unten, von hinten und vorn ...
- Ironie
- Ach, gnädige Frau! Hör auf einen wahren Und guten alten Papa!
- Kontrast
- Dann siehst du ihn in Freude und Zorn
- Metapher
- Gibt sich das mit dem happy end.
- Personifikation
- Hättst du den Neuen: in ein, zwei Jahren Ständest du ebenso da!
- Reimschema
- Das Gedicht folgt einem AABB-Rhythmus.
- Rhetorische Frage
- Wie er schon dasteht - du liebe Güte!
- Vergleich
- Wir sind manchmal reizend, auf einer Feier ... Und den Rest des Tages ganz wie Herr Meyer.