Der Anbeter der Gottheit

Karl Wilhelm Ramler

1786

Zu dir erhebt sich mein Lied, o ewige Quelle des Lebens! O, du von den Lippen danksagender Weisen Jehova gegrüßet, Und Oromazes und Gott! gleich groß im Tropfen des Thaues, Der hier vom Grase rollt, gleich groß in der Sonne, die rastlos Rings um sich an goldenen Seilen glückselige Weiten herumführt; Im Wurme, der einen bestäubten Erntetag lebt, und im Cherub, Der alle Naturen durchforscht seit seiner undenklichen Jugend, Und viele Glieder bereites an der Kette der Wesen verknüpft sieht, Er selbst, der Oberste: doch in deiner Größe versinket, – Wie soll ich in menschlicher Rede den Kindern der Erde dich nennen, – Dich, deines unendlichen Weltraums allbelebende Fülle? – – Mit Schaudern versenkt sich in ihn mein Geist in den Tempeln der Wälder. Auf himmelstrebenden Felsen am Rande der grausenden Tiefe! Und o! wie verschwindet mir dann die sinnliche Freude! wie werden Mir alle Begierden erhöht. – Du Weltgeist, hier steh’ ich verloren Auf einem Staube des Ganzen, und breite die Hände zu dir aus: Erhältst du, wenn einst dies zarte Gewebe des Leibes sich auflös’t, Ein höheres Antheil von mir, so soll die Bewunderung deiner Mein langes Geschäft verbleiben, mein langer Gesang …..

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Illustration zu Der Anbeter der Gottheit

Interpretation

Das Gedicht "Der Anbeter der Gottheit" von Karl Wilhelm Ramler ist ein Loblied auf die göttliche Schöpferkraft und die Unendlichkeit des Universums. Der Sprecher preist die ewige Quelle des Lebens, die in verschiedenen Kulturen und Religionen als Jehova, Oromazes oder Gott bezeichnet wird. Er betont die Allgegenwart und Gleichheit dieser göttlichen Kraft in den kleinsten und größten Dingen der Natur, vom Tau auf dem Gras bis zur Sonne und von den kleinsten Lebewesen bis zu den höchsten Engeln. Der Sprecher ist von der Größe und Unbegreiflichkeit dieser Gottheit überwältigt und fragt sich, wie er sie in menschlichen Worten beschreiben soll. Er fühlt sich klein und bedeutungslos im Vergleich zum unendlichen Weltraum und der allbelebenden Fülle. In den Tempeln der Wälder, auf den Felsen am Rande der Tiefe, versenkt sich sein Geist in Ehrfurcht und Staunen. Die sinnlichen Freuden und Begierden verlieren an Bedeutung, und er fühlt sich mit dem Weltgeist verbunden. Der Sprecher hofft, dass nach dem Tod seines sterblichen Körpers ein höheres Teil von ihm erhalten bleibt, das weiterhin die Gottheit bewundert und preist. Die Bewunderung und der Gesang über die göttliche Schöpferkraft sollen sein langes Geschäft und sein langes Lied bleiben. Das Gedicht drückt eine tiefe spirituelle Erfahrung und eine pantheistische Weltsicht aus, in der die Gottheit als die belebende Kraft des gesamten Universums verstanden wird.

Schlüsselwörter

gleich groß alle soll erhebt lied ewige quelle

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Stilmittel

Anapher
O, du von den Lippen danksagender Weisen Jehova gegrüßet, Und Oromazes und Gott!
Apostrophe
Zu dir erhebt sich mein Lied, o ewige Quelle des Lebens!
Hyperbel
Im Wurme, der einen bestäubten Erntetag lebt, und im Cherub, Der alle Naturen durchforscht seit seiner undenklichen Jugend
Metapher
Auf himmelstrebenden Felsen am Rande der grausenden Tiefe
Personifikation
Der hier vom Grase rollt, gleich groß in der Sonne, die rastlos Rings um sich an goldenen Seilen glückselige Weiten herumführt
Vergleich
gleich groß im Tropfen des Thaues, Der hier vom Grasse rollt, gleich groß in der Sonne