Der Anarchist

Frank Wedekind

1905

Reicht mir in der Todesstunde Nicht in Gnaden den Pokal! Von des Weibes heißem Munde Laßt mich trinken noch einmal!

Mögt ihr sinnlos euch berauschen, Wenn mein Blut zerrinnt im Sand. Meinen Kuß mag sie nicht tauschen, Nicht für Brot aus Henkershand.

Einen Sohn wird sie gebären, Dem mein Kreuz im Herzen steht, Der für seiner Mutter Zähren Eurer Kinder Häupter mäht.

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Interpretation

Das Gedicht "Der Anarchist" von Frank Wedekind handelt von einem zum Tode verurteilten Revolutionär, der in seinen letzten Augenblicken noch einmal den Kuss einer Frau ersehnt, anstatt des Gnadenkelchs. Er lehnt die erbärmliche Versöhnung mit dem System ab, das ihn zum Tode verurteilt hat. Der Anarchist sieht sich als Märtyrer, der für seine Überzeugungen stirbt und durch seine Tat einen Sohn zeugen wird, der den Kampf gegen die Unterdrücker fortsetzt. In den ersten beiden Strophen beschreibt der Anarchist seine letzten Wünsche vor der Hinrichtung. Er will nicht den symbolischen Gnadenkelch aus der Hand des Henkers annehmen, sondern noch einmal von der Frau, die er liebt, geküsst werden. Er sieht die Versöhnung mit dem System als sinnlos an, da sein Blut bereits im Sand vergossen wird. Der Kuss der Frau ist ihm mehr wert als das Brot aus der Henkershand, da er ihm symbolisch mehr Kraft und Würde verleiht. In der dritten Strophe kündigt der Anarchist an, dass die Frau einen Sohn gebären wird, der sein Erbe antritt. Das Kreuz im Herzen des Sohnes steht symbolisch für das Opfer des Vaters und den fortwährenden Kampf gegen die Unterdrücker. Der Sohn wird die Kinder der Unterdrücker "mähen", was eine gewaltsame Vergeltung andeutet. Das Gedicht endet mit einer düsteren Vision von anhaltender Gewalt und Revolution als Antwort auf Unterdrückung und Ungerechtigkeit.

Schlüsselwörter

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Stilmittel

Anapher
Reicht mir in der Todesstunde Nicht in Gnaden den Pokal! Von des Weibes heißem Munde Laßt mich trinken noch einmal!
Hyperbel
Der für seiner Mutter Zähren Eurer Kinder Häupter mäht
Metapher
Wenn mein Blut zerrinnt im Sand
Personifikation
Nicht für Brot aus Henkershand