Der Alte
1754Der weisheitvolle Greis, der gegenwärtge Zeiten Hofmeisterlich belehrt, der Freund der Schwierigkeiten, Ist hämisch, mißvergnügt, der Erben Trost und Last, Und hoffet, scherzt und liebt so frostig, als er haßt: Nichts rührt sein schlaffes Herz, als kluge Münzgesetze, Des Reichthums Majestät, die Heiligkeit der Schätze, Die er mit List, mit Furcht, die ihn zum Sklaven macht, Erwuchert, sammlet, zählt, umarmt, versteckt, bewacht, Verehrt, verschont, beseufzt. Scharf, und wie Schiffer pflegen, Sieht er nach Luft und Wind, und wittert Sturm und Regen, Scheut so den kürzesten, als längsten Tag im Jahr, Den Frühling, wie den Herbst, lebt mäßig wie Cornar, Auch eh′ ihm noch der Arzt die Hungercur empfiehlet: Bis ihn des Todes Geiz dem schönen Gelde stiehlet.
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Interpretation
Das Gedicht "Der Alte" von Friedrich von Hagedorn beschreibt das Leben und die Einstellung eines alten, weisen Mannes, der als Hofmeister und Freund von Schwierigkeiten bekannt ist. Der Greis wird als hämisch und missmutig dargestellt, der Erben sowohl Trost als auch Last ist. Seine Hoffnungen, Scherze und Liebe sind so frostig wie sein Hass, was auf eine emotionale Kälte und Distanz hinweist. Sein Herz wird nur von klugen Münzgesetzen und der Majestät des Reichtums berührt, die er mit List und Furcht anhäuft, sammelt, zählt, umarmt, versteckt und bewacht. Er verehrt, verschont und beklagt seine Schätze, was seine Besessenheit von materiellem Wohlstand unterstreicht. Der alte Mann lebt in ständiger Angst und Vorsicht, ähnlich wie Schiffer, die nach Luft und Wind schauen und Sturm und Regen wittern. Er fürchtet sowohl den kürzesten als auch den längsten Tag im Jahr, den Frühling wie den Herbst, und lebt mäßig wie ein Cornar, ein asketischer Philosoph. Diese Lebensweise ist geprägt von einer ständigen Sorge um seinen Besitz und einer Abneigung gegen Veränderungen. Selbst bevor ihm ein Arzt eine Hungerkur empfiehlt, lebt er bereits sparsam und zurückgezogen, was seine extreme Anhänglichkeit an seinen Reichtum verdeutlicht. Letztendlich wird der alte Mann von des Todes Geiz des schönen Geldes beraubt, was darauf hindeutet, dass selbst der Tod seine Besitztümer nicht verschonen wird. Das Gedicht kritisiert die menschliche Gier und die Unfähigkeit, sich von materiellen Gütern zu lösen, selbst im Angesicht des Todes. Es zeigt die Leere und die emotionale Kälte, die ein solches Leben mit sich bringt, und stellt die Frage nach dem wahren Wert von Reichtum und Besitz.
Schlüsselwörter
Wortwolke

Stilmittel
- Alliteration
- Erwuchert, sammlet, zählt, umarmt, versteckt, bewacht
- Enjambement
- Der weisheitvolle Greis, der gegenwärtge Zeiten Hofmeisterlich belehrt, der Freund der Schwierigkeiten,
- Metapher
- Des Reichthums Majestät
- Personifikation
- Bis ihn des Todes Geiz dem schönen Gelde stiehlet
- Vergleich
- scharf, und wie Schiffer pflegen