Der alte Todtengräber
1888Er grub ein Grab mit müder Hand, Fast wollte die Kraft versagen. Für wen? Das war ihm unbekannt Er pflegte nicht mehr zu fragen.
Er murrte nicht, es sei zu schwer, Er summte gemach und leise – Das helle Singen gieng nicht mehr – Eine alte Liederweise.
Ein Lied von Liebeslust und Leid, Es hatt’ ihn stets erfreuet, Denn seiner Jugend Munterkeit, Sie hat ihn nie gereuet.
Bald wird die Arbeit fertig sein – Da sind ihm die Sinne geschwunden, Er sinkt und fällt in das Grab hinein, Da hat man ihn todt gefunden.
Sein friedlich Antlitz, Aug’ und Mund, Erschien so unbeweget, Als hätt’ er in den kühlen Grund Sich wie in’s Bett geleget.
Auch etwas Schalkheit schien dabei, Die Lippen zu umspielen, Und auf den Raub, so tadelfrei Begangen, hinzuzielen.
Man hob ihn still und sacht’ heraus, Als ob er sanft nur schliefe, Man grub am dunklen Erdenhaus Noch bis zur rechten Tiefe.
Sein Todtenhemde mußt’ er nun Und seinen Sarg noch haben, Dann durft’ er in dem Grabe ruh’n, Das er sich selbst gegraben.
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Interpretation
Das Gedicht "Der alte Todtengräber" von Friedrich Theodor Vischer erzählt die Geschichte eines alten Totengräbers, der mit müder Hand ein Grab aushebt. Er fragt nicht mehr nach dem Zweck seiner Arbeit, sondern murmelt vor sich hin. Das helle Singen seiner Jugend ist verklungen, doch eine alte Liedweise begleitet ihn weiterhin. Diese Lieder erinnern ihn an die Freuden und Leiden seiner Jugend, die er nie bereut hat. Die Arbeit des Totengräbers nähert sich dem Ende, als ihm plötzlich die Sinne schwinden. Er sinkt in das Grab, das er selbst ausgehoben hat, und wird tot aufgefunden. Sein friedliches Gesicht wirkt unbewegt, als hätte er sich in den kühlen Grund gelegt wie in ein Bett. Ein Hauch von Schalkheit spielt um seine Lippen, als ob er auf seinen tadellosen Raub hinweisen möchte. Die Menschen heben den Totengräber behutsam aus dem Grab, als ob er sanft schliefe. Sie graben das Grab noch tiefer, um die richtige Tiefe zu erreichen. Der Totengräber erhält sein Totenhemd und seinen Sarg und darf schließlich in dem Grab ruhen, das er sich selbst gegraben hat. Das Gedicht beschreibt auf eindringliche Weise den Kreislauf des Lebens und den Tod, der unaufhaltsam kommt.
Schlüsselwörter
Wortwolke

Stilmittel
- Alliteration
- [Er grub ein Grab mit müder Hand Für wen? Das war ihm unbekannt Er murrte nicht, es sei zu schwer Er summte gemach und leise]
- Bildsprache
- [Das helle Singen gieng nicht mehr Als ob er sanft nur schliefe]
- Enjambement
- [Er grub ein Grab mit müder Hand, Fast wollte die Kraft versagen. Ein Lied von Liebeslust und Leid, Es hatt' ihn stets erfreuet,]
- Ironie
- [Und auf den Raub, so tadelfrei Begangen, hinzuzielen]
- Metapher
- [Er grub ein Grab mit müder Hand Sein friedlich Antlitz, Aug' und Mund]
- Personifikation
- [Die Lippen zu umspielen]
- Symbolik
- [Grab Todtenhemde Sarg]