Der alte Sänger
1837Sang der sonderbare Greise Auf den Märkten, Straßen, Gassen Gellend, zürnend seine Weise: “Bin, der in die Wüste schreit. Langsam, langsam und gelassen! Nichts unzeitig! nichts gewaltsam! Unablässig, unaufhaltsam, Allgewaltig naht die Zeit.
Torenwerk, ihr wilden Knaben, An dem Baum der Zeit zu rütteln, Seine Last ihm abzustreifen, Wann er erst mit Blüten prangt! Laßt ihn seine Früchte reifen Und den Wind die Äste schütteln! Selber bringt er euch die Gaben, Die ihr ungestüm verlangt.”
Und die aufgeregte Menge Zischt und schmäht den alten Sänger: “Lohnt ihm seine Schmachgesänge! Tragt ihm seine Lieder nach! Dulden wir den Knecht noch länger? Werfet, werfet ihn mit Steinen! Ausgestoßen von den Reinen Treff ihn aller Orten Schmach!”
Sang der sonderbare Greise In den königlichen Hallen Gellend, zürnend seine Weise: “Bin, der in die Wüste schreit. Vorwärts! vorwärts! nimmer lässig! Nimmer zaghaft! kühn vor allen! Unaufhaltsam, unablässig, Allgewaltig drängt die Zeit.
Mit dem Strom und vor dem Winde! Mache dir, dich stark zu zeigen, Strom- und Windeskraft zu eigen! Wider beide, gähnt dein Grab. Steure kühn in grader Richtung! Klippen dort? die Furt nur finde! Umzulenken heischt Vernichtung; Treibst als Wrak du doch hinab.”
Einen sah man da erschrocken Bald erröten, bald erblassen: “Wer hat ihn herein gelassen, Dessen Stimme zu uns drang? Wahnsinn spricht aus diesem Alten; Soll er uns das Volk verlocken? Sorgt, den Toren festzuhalten, Laßt verstummen den Gesang.”
Sang der sonderbare Greise Immer noch im finstern Turme Ruhig, heiter seine Weise: “Bin, der in die Wüste schreit. Schreien mußt ich es dem Sturme; Der Propheten Lohn erhalt ich! Unablässig, allgewaltig, Unaufhaltsam naht die Zeit.”
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Interpretation
Das Gedicht "Der alte Sänger" von Adelbert von Chamisso handelt von einem alten Sänger, der auf Märkten, Straßen und in königlichen Hallen seine Botschaft verkündet. Er ruft aus, dass die Zeit unaufhaltsam naht und man sich ihr nicht widersetzen soll. Der Sänger warnt davor, den Lauf der Zeit aufhalten oder beeinflussen zu wollen, sondern fordert dazu auf, geduldig zu sein und die Dinge ihren natürlichen Gang nehmen zu lassen. Die Menschen reagieren jedoch mit Ablehnung und Feindseligkeit auf die Worte des Sängers. Auf den Märkten und Straßen wird er beschimpft, bespuckt und mit Steinen beworfen. Auch in den königlichen Hallen stößt er auf Ablehnung und man versucht, seine Stimme zum Schweigen zu bringen. Trotz der Ablehnung singt der Sänger weiterhin seine Botschaft, auch wenn er in einen dunklen Turm gesperrt wird. Das Gedicht kann als eine Metapher für den Kampf eines Propheten oder Visionärs verstanden werden, der seine Botschaft in einer Welt verbreitet, die nicht bereit ist, sie anzunehmen. Der Sänger symbolisiert den Einzelnen, der sich gegen die Mehrheit stellt und für seine Überzeugungen einsteht, auch wenn er dafür verfolgt und unterdrückt wird.
Schlüsselwörter
Wortwolke

Stilmittel
- Anapher
- Unaufhaltsam naht die Zeit
- Metapher
- Der Propheten Lohn erhalt ich
- Personifikation
- Allgewaltig naht die Zeit