Der alte Dichter und der junge Kritikus

Christian Fürchtegott Gellert

1769

Ein Jüngling stritt mit einem Alten Sehr lebhaft über ein Gedicht. Der Alte hielt′s für schön; der Jüngling aber nicht, Und hatte recht, es nicht für schön zu halten. Er wies dem Alten Schritt für Schritt Hier bald das Matte, dort das Leere Und dachte nicht, daß der, mit dem er stritt, Der Autor des Gedichtes wäre.

“Wie”, sprach der Alte ganz erhitzt, “Sie tadeln Ausdruck und Gedanken? Mein Herr, Sie sind zu jung, mit einem Mann zu zanken, Den Fleiß, Geschmack und Alter schützt. Da man Sie noch im Arm getragen, Hab′ ich der Kunst schon nachgedacht. Und kurz: was würden Sie wohl sagen, Wenn ich die Verse selbst gemacht?”

“Ich”, sprach er, “würde, weil Sie fragen, Ich würde ganz gelassen sagen, Daß man, Geschmack und Dichtkunst zu entweihn, Oft nichts mehr braucht, als alt und stolz zu sein.”

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Interpretation

Das Gedicht "Der alte Dichter und der junge Kritikus" von Christian Fürchtegott Gellert handelt von einem Streit zwischen einem jungen Mann und einem alten Dichter über ein Gedicht. Der junge Mann kritisiert das Werk scharf und findet es nicht schön, während der Alte es verteidigt. Der Clou ist, dass der Alte der Verfasser des Gedichts ist, was der Jüngere nicht ahnt. In der zweiten Strophe wird die Wahrheit enthüllt. Der Alte, nun erhitzt, verteidigt sein Werk und beruft sich auf seinen Fleiß, Geschmack und sein Alter. Er wirft dem Jüngeren vor, zu jung zu sein, um mit einem erfahrenen Mann zu streiten. Der Alte gibt zu verstehen, dass er sich schon lange mit der Kunst beschäftigt und sogar der Verfasser der kritisierten Verse sein könnte. Der junge Mann antwortet darauf in der letzten Strophe. Er würde dem Alten gelassen entgegnen, dass man oft nichts weiter braucht als Alter und Stolz, um Geschmack und Dichtkunst für sich zu beanspruchen. Diese Antwort trifft den alten Dichter ins Mark und zeigt die Selbstüberschätzung des Älteren. Das Gedicht kritisiert die Arroganz von Künstlern, die sich auf ihre Erfahrung und ihr Alter berufen, anstatt auf konstruktive Kritik einzugehen.

Schlüsselwörter

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Stilmittel

Ironie
Der junge Kritiker sagt, er würde 'ganz gelassen sagen', dass man oft nichts mehr braucht, als 'alt und stolz zu sein', um Geschmack und Dichtkunst zu entweihen. Dies ist ironisch, da der Alte gerade behauptet hatte, dass sein Alter und seine Erfahrung seine Dichtkunst rechtfertigen.
Kontrast
Der Kontrast zwischen dem 'alten Dichter' und dem 'jungen Kritiker' wird durchgängig verwendet, um die unterschiedlichen Perspektiven und Erfahrungen der beiden Figuren hervorzuheben.
Metapher
Der Ausdruck 'mit einem Mann zu zanken' ist eine Metapher für einen Streit oder eine Auseinandersetzung.
Personifikation
Der alte Dichter wird als jemand dargestellt, der von 'Fleiß, Geschmack und Alter geschützt' wird, als ob diese Eigenschaften ihn physisch beschützen könnten.
Rhetorische Frage
Der Alte fragt rhetorisch: 'Was würden Sie wohl sagen, Wenn ich die Verse selbst gemacht?' um den jungen Kritiker zum Nachdenken anzuregen.