Der Adler, die Sau und die Katze

Friedrich von Hagedorn

1738

Tyrannin! die du jung und alt Mit unumschränkter Macht regierest! Dich mit der weiblichen Gestalt Der meisten Mode-Laster zierest, Und bald des Stolzes, bald der List, Auch oft der Einfalt Zuflucht bist, Verleumdung! deren Mund die Wahrheit selbst betäubet, Der Mund, den Zucht und Unschuld scheut; Dir sei zum ersten Mal ein Blatt von mir geweiht, Das jetzt ein Meisterstück, das du vollführt, beschreibet!

Es hatt′ auf einem hohen Baum Der Vögel Königin den Obersitz genommen, Die Katze wählte sich der Eiche mittlern Raum. Den untersten hatt′ eine Sau bekommen. Die hielten gute Nachbarschaft; Durch Argwohn war noch nie die Eintracht unterbrochen; Doch endlich trennte sie der Bosheit Höllenkraft, Die Katze kam zum Adler hingekrochen, Und sprach: Hört! unsrer Kinder Tod, Wo nicht der unsere, (doch, das zu unterscheiden, Fällt Mutterherzen schwer) scheint gar nicht zu vermeiden. Ein guter Freund warnt in der Noth. Seht, ach! ich bitte, seht! wie wühlt die wilde Sau! Sie gräbt, und will den Baum ganz aus der Wurzel heben. Trau′, schaue wem; wie muß ich arme Frau An unsern Kindern das erleben! Ihr kennt nicht die Gefahr; mir aber, mir ist bange! Sobald die Eiche fällt, die schon beschädigt ist, So seh′ ich′s, wie die Sau die lieben Kätzchen frißt, Die ich verlass′nes Weib noch voller Furcht umfange. Ich bin den Lügen gram; ich suche keinen Zwist; Nein, ehrlich, ehrlich währet lange.

Nachdem sie das gesagt, und mit verstelltem Sinn Den Argwohn gleich erweckt, auf den ihr Reden zielte, So schlich die schlaue Frau stracks zu der Bache hin, Die unten ihre Wochen hielte.

Ach! allerliebste Nachbarin, Euch ahnt′s wol nimmermehr, warum ich traurig bin. Die Kinder jammern mich, die eure Brüste saugen. Man traue keinen Adleraugen! Könnt ihr auch schweigen? Gebt doch Acht, Wie über uns der böse Vogel wacht. Ich weiß es nur zu wohl, er schärfet schon die Klauen, Und raubet, wenn ihr euch aus eurem Lager macht, Die schönen Kinderchen; doch alles im Vertrauen. Nur sagt mir nicht hernach: Das hätt′ ich nicht gedacht!

Dies wiederholt sie oft, wünscht seufzend gute Nacht, Und klettert in ihr Loch zurücke, Und freut sich der gelungnen Tücke.

Der Adler hütet stets das Nest, Damit der Bache Zahn nicht seine Jungen spieße, Wie gegentheils die Sau die Eiche nicht verläßt, Damit der Adler nicht auf ihre Ferkel schieße. So groß nun beider Mangel war, So fürchteten sie doch der Ihrigen Gefahr, Und da sie jederzeit in ihrer Wohnung blieben, Wo jedem Kost und Wasser fehlt, So wurden auch, wie Phädrus uns erzählt, Sie insgesammt von Durst und Hunger aufgerieben, Und die Betrognen dienten bald Dem falschen Katzenmaul zum neuen Unterhalt.

Was können böse Zungen nicht Leichtgläubigen für Stacheln hinterlassen? Was richten sie nicht an? Wer ist wol mehr zu hassen, Als der von Frommen übel spricht? O könnt′ ich dieses hier in kurze Worte fassen! Doch Sirach that es schon, der ungeheuchelt schrieb: Wer lüget, wer verleumd′t, ist ärger, als ein Dieb.

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Illustration zu Der Adler, die Sau und die Katze

Interpretation

Das Gedicht "Der Adler, die Sau und die Katze" von Friedrich von Hagedorn erzählt die Geschichte von drei Tieren, die in einem Baum leben und anfangs in friedlicher Nachbarschaft zusammenleben. Die Katze, die als Symbol für Verleumdung und böse Zungen steht, nutzt ihre manipulativen Fähigkeiten, um Zwietracht zwischen dem Adler und der Sau zu säen. Sie erweckt bei beiden Tieren den Verdacht, dass der jeweils andere eine Gefahr für ihre Kinder darstellt. Die Katze spielt ein doppeltes Spiel, indem sie sowohl zum Adler als auch zur Sau geht und ihnen Lügen über die Absichten des jeweils anderen erzählt. Sie behauptet, dass die Sau den Baum ausreißen und die Kätzchen der Katze fressen will, während sie dem Adler einflüstert, dass die Sau die Kinder des Adlers stehlen will. Durch diese gezielte Verleumdung erzeugt die Katze Angst und Misstrauen zwischen den Tieren. Als Folge der Manipulation der Katze bleiben der Adler und die Sau in ihren jeweiligen Wohnungen, aus Angst vor dem anderen. Sie vernachlässigen ihre Bedürfnisse nach Nahrung und Wasser und werden schließlich von Durst und Hunger aufgerieben. Die Katze, die die ganze Zeit über ihre wahren Absichten verbirgt, freut sich über den Erfolg ihrer Intrige und nutzt die Situation aus, um sich an den Kadavern der verstorbenen Tiere zu laben. Das Gedicht verdeutlicht die zerstörerische Kraft von Verleumdung und Lügen und wie leichtgläubige Menschen Opfer solcher Manipulationen werden können.

Schlüsselwörter

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Wortwolke

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Stilmittel

Allegorie
Die Katze als Symbol für Täuschung und List
Alliteration
Die hielten gute Nachbarschaft;
Hyperbel
Die Eiche fällt, die schon beschädigt ist
Ironie
Ich bin den Lügen gram; ich suche keinen Zwist; / Nein, ehrlich, ehrlich währet lange.
Metapher
Die Katze wählte sich der Eiche mittlern Raum.
Moralische Lehre
Was können böse Zungen nicht / Leichtgläubigen für Stacheln hinterlassen?
Personifikation
Tyrannin! die du jung und alt / Mit unumschränkter Macht regierest!
Symbolik
Die Eiche als Symbol für Stabilität und Sicherheit
Vergleich
So groß nun beider Mangel war, / So fürchteten sie doch der Ihrigen Gefahr