Der Abschied

Friedrich Hölderlin

1826

Trennen wollten wir uns? wähnten es gut und klug? Da wir′s taten, warum schröckte, wie Mord, die Tat? Ach! wir kennen uns wenig, Denn es waltet ein Gott in uns.

Den verraten? ach ihn, welcher uns alles erst, Sinn und Leben erschuf, ihn, den beseelenden Schutzgott unserer Liebe, Dies, dies eine vermag ich nicht.

Aber anderen Fehl denket der Menschen Sinn, Andern ehernen Dienst übt er und anders Recht, Und es fodert die Seele Tag für Tag der Gebrauch uns ab.

Wohl! ich wußt es zuvor. Seit der gewurzelte Allentzweiende Haß Götter und Menschen trennt, Muß, mit Blut sie zu sühnen, Muß der Liebenden Herz vergehn.

Laß mich schweigen! o laß nimmer von nun an mich Dieses Tödliche sehn, daß ich im Frieden doch Hin ins Einsame ziehe, Und noch unser der Abschied sei!

Reich die Schale mir selbst, daß ich des rettenden Heil′gen Giftes genug, daß ich des Lethetranks Mit dir trinke, daß alles, Haß und Liebe, vergessen sei!

Hingehn will ich. Vielleicht seh ich in langer Zeit Diotima! dich hier. Aber verblutet ist Dann das Wünschen und friedlich Gleich den Seligen, fremd sind wir,

Und ein ruhig Gespräch führet uns auf und ab, Sinnend, zögernd, doch itzt faßt die Vergessenen Hier die Stelle des Abschieds, Es erwarmet ein Herz in uns,

Staunend seh ich dich an, Stimmen und süßen Sang, Wie aus voriger Zeit, hör ich und Saitenspiel, Und befreiet, in Lüfte Fliegt in Flammen der Geist uns auf.

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Illustration zu Der Abschied

Interpretation

Das Gedicht "Der Abschied" von Friedrich Hölderlin handelt von der Trennung zweier Liebenden und der damit verbundenen emotionalen Turbulenz. Der Sprecher ringt mit dem Gedanken, sich von seinem geliebten Menschen zu trennen, und reflektiert über die Natur der Liebe und des Abschieds. Der Sprecher beginnt damit, die Trennung als eine Tat zu betrachten, die so schrecklich ist wie ein Mord. Er erkennt jedoch an, dass ein göttliches Wesen in ihnen beiden wohnt, das ihre Liebe erschaffen hat. Der Gedanke, diesen göttlichen Schutzgott zu verraten, ist für den Sprecher unerträglich. Der Sprecher erkennt an, dass die Menschen oft andere Fehler begehen und anderen Pflichten nachkommen. Dennoch bleibt die Liebe eine mächtige Kraft, die nicht leicht vergessen werden kann. Der Sprecher akzeptiert, dass die Trennung notwendig ist, um den Hass und die Zwietracht zu überwinden, die die Welt spalten. Am Ende des Gedichts bittet der Sprecher um eine Schale mit einem Gift, das ihm helfen soll, die Erinnerungen an die Liebe zu vergessen. Er wünscht sich, dass der Abschied friedlich verläuft und dass er und seine Geliebte in der Zukunft als Fremde aufeinandertreffen können. Trotz der Trennung bleibt die Liebe eine mächtige Kraft, die den Sprecher auch in der Einsamkeit begleitet.

Schlüsselwörter

sinn liebe menschen tag haß muß herz laß

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Stilmittel

Anapher
ihn, den beseelenden Schutzgott unserer Liebe, Dies, dies eine vermag ich nicht
Metapher
Und befreiet, in Lüfte Fliegt in Flammen der Geist uns auf
Personifikation
Denn es waltet ein Gott in uns