Der Abschied
1724Wenn du entschlafend über dir sehen wirst Den stillen Eingang zu den Unsterblichen, Und aufgethan die erdeferne Pforte des Himmels, enthüllt den Schauplaz
Der Ewigkeit! dann nahe dir hören wirst Die Donnerrede deß, der Entscheidung dir Kund thut; so feyrlich spricht die Gottheit, Wenn sie das Urtheil der Tugend ausspricht;
Wenn du dann lächelnd näher dir hören wirst Die Stimme Salems, welcher dein Engel war, Und, mit des Seraphs sanftem Laute, Deines entschlafenen Freundes Stimme:
Dann werd’ ich vor dir lange gestorben seyn. Den letzten Abend sprach ich, und lehnte mich An deines Bruders Brust, und weinend Senkt’ ich die Hand ihm in seine Hand hin:
“Mein Schmidt, ich sterbe, sehe nun bald um mich Die großen Seelen, Popen und Addison, Den Sänger Adams neben Adam, Neben ihm Eva mit Palmenkränzen,
Der Schläfe Miltons heilig; die himlische, Die fromme Singer, bey ihr die Radikin, Und, durch deß Tod mich Staunen traf, daß Traurigkeit auch, und nicht Freud’ allein sey
Auf Erden! meinen Bruder, der blühte, schnell Abfiel! Bald tret’ ich in die Versamlungen, Hin ins Getön, ins Halleluja, In die Gesänge der hohen Engel.
Heil mir! mein Herz glüht, feurig und ungestüm Bebt mir die Freude durch mein Gebein dahin! Heil mir! die ewig junge Seele Fließet von Göttergedanken über.
Schon halb gestorben, lebet von neuem mir Der müde Leib auf; so werd’ ich auferstehn, Der süße Schauer wird mich fassen, Wenn ich mit dir von dem Tod’ erwache.
Wie mir es sanft schlägt! leg’ an mein Herz dich, Freund! Ich lebt’, und daß ich lebte, bereu’ ich nicht, Ich lebte dir, und unsern Freunden, Aber auch ihm, der nun bald mich richtet!
Ich hör’, ich höre fern schon der Wage Klang, Nah ihr der Gottheit Stimme, die Richterin; O wäre sie der bessern Thaten Schale so schwer, daß sie überwöge!
Ich sang den Menschen menschlich den Ewigen, Den Mittler Gottes. Unten am Throne liegt Mein großer Lohn mir, eine goldne, Heilige Schale voll Christenthränen.
Ach, schöne Stunden! traurige schöne Zeit, Mir immer heilig, die ich mit dir gelebt! Die erste floß uns frey und lächelnd, Jugendlich hin, doch die letzte weint’ ich!
Mehr, als mein Blick sagt, hat dich mein Herz geliebt, Mehr, als es seufzet, hat dich mein Herz geliebt; Laß ab vom Weinen; sonst vergeh’ ich: Auf, sey ein Mann! geh’, und liebe Rothen!
Mein Leben sollte hier noch nicht himlisch seyn, Drum liebte die mich, die ich so liebte, nicht. Geh, Zeuge meines Trauerlebens, Geh, wenn ich todt bin, zu deiner Schwester,
Erzähl, nicht jene mir unvergeßlichen Durchweinten Stunden, nicht, wie ein trüber Tag, Wie Wetter, die sich langsam fortziehn, Mein nun vollendetes kurzes Leben;
Nicht jene Schwermuth, die ich an deiner Brust Verstummend weinte; Heil dir, mein theurer Freund! Weil du mit allen meinen Thränen Mitleid gehabt, und mit mir geweint hast!
Vielleicht ein Mädchen, welches auch edel ist, Wird, meiner Lieder Hörerin, um sich her Die Edlen ihrer Zeit betrachten, Und mit der Stimme der Wehmut sagen:
O lebte der noch, welchem so tief das Herz Der Liebe Macht traf! Die wird dich segnen, Freund! Weil du mit meinen vielen Thränen Mitleid gehabt, und mit mir geweint hast!
Geh, wenn ich todt bin, lächelnd, so wie ich starb, Zu deiner Schwester; schweige vom Traurenden; Sag ihr, daß sterbend ich von ihr noch Also gesprochen, mit heitrem Blicke;
Des Herzens Sprache, wenn sie mein todter Blick Noch reden kann, ach sag’ ihr: Wie liebt’ ich dich! Wie ist mein unbemerktes Leben, Dir nur geheiligt, dahingegangen!
Des besten Bruders Schwester! Nim, Göttliche, Den Abschiedssegen, welchen dein Freund dir giebt; Gelebt hat keiner, der dich also Segnete, keiner wird so dich segnen.
Womit der lohnet, welcher die Unschuld kennt, Von aller hohen himlischen Seligkeit, Von jener Ruh der frommen Tugend, Fließe dein göttliches Herz dir über!
Du müssest weinen Thränen der Menschlichkeit, Viel theure Thränen, wenn du die Dulder siehst, Die vor dir leiden, durch dich müsse Deinen Gespielinnen sichtbar werden
Die heilge Tugend, Gottes erhabenste, Hier nicht erkannte Schöpfung, und selige, Von ihrem Jubel volle Freuden Müssen dein jugendlich Haupt umschweben,
Dir schon bereitet, da du aus Gottes Hand Mit deinem Lächeln heiter gebildet kamst; Schon da gab dir, den du nicht kanntest, Heitere Freuden, mir aber Thränen!
O schöne Seele, die ich mit diesem Ernst So innig liebte! Aber in Thränen auch Verehr’ ich ihn, das schönste Wesen, Schöner als Engel ihn denken können.
Wenn hingeworfen vor den Unendlichen Und tief anbetend ich an des Thrones Fuß Die Arme weit ausbreite, für dich Hier unempfundne Gebete stammle:
Dann müss’ ein Schauer von dem Unendlichen, Ein sanftes Beben derer, die Gott nun sehn, Ein süßer Schauer jenes Lebens Über dich kommen, und dir die Seele
Ganz überströmen. Ober dich müssest du Erstaunend stehn, und lächelnd gen Himmel schaun! Ach, dann kom bald im weißen Kleide, Wallend im lieblichen Strahl der Heitre!
Ich sprach’s; und sah noch einmal ihr Bildniß an, Und starb. Er sah das Auge des Sterbenden, Und klagt’ ihr nicht, weil er sie liebet, Daß ihm zu früh sein Geliebter hinstarb.
Wenn ich vor dir so werde gestorben seyn, O meine Fanny, und du auch sterben willst; Wie wirst du deines todten Freundes Dich in der ernsteren Stund’ erinnern?
Wie wirst von ihm du denken, der edel war, So ganz dich liebte? wie von den traurigen, Trostlos durchweinten Mitternächten? Von der Erschütterung seiner Seele?
Von jener Wehmuth, wenn nun der Jüngling oft, Dir kaum bemerket, zitternd dein Auge bat, Und schweigend, nicht zu stolz, dir vorhielt, Daß die Natur ihn für dich geschaffen?
Ach dann! wie wirst du denken, wenn schnell dein Blick Und ernst ins Leben hinter dem Rücken schaut? Das schwör’ ich dir, dir ward ein großes, Göttliches Herz, und das mehr verlangte.
Stirb sanft! o, die ich mit unaussprechlicher Empfindung liebte! Schlummr’ in die Ewigkeit Mit Ruh hinüber, wie dich Gott schuf, Als er dich machte voll schöner Unschuld
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Interpretation
Das Gedicht "Der Abschied" von Friedrich Gottlieb Klopstock ist ein bewegendes Abschiedsgedicht, das sich mit den Themen Tod, Liebe und Sehnsucht nach dem Jenseits auseinandersetzt. Der Sprecher, der im Sterben liegt, wendet sich an seinen Freund Schmidt und beschreibt seine Vorstellung vom Sterben und von der Ewigkeit. Er erwartet, die großen Seelen und Dichter wie Addison, Milton und Eva zu treffen und in den Gesängen der Engel aufzugehen. Er bittet Schmidt, nach seinem Tod zu seiner Schwester Fanny zu gehen und ihr von seiner Liebe und seinem Segen zu erzählen. Er hofft, dass Fanny ein edles Mädchen sein wird, das seine Lieder hören und mit ihm um den Verstorbenen trauern wird. Er sehnt sich danach, Fanny im weißen Kleid im Himmel zu sehen und mit ihr die Ewigkeit zu genießen. Das Gedicht zeichnet sich durch einen reichhaltigen und bildhaften Sprachstil aus, der die Emotionen und Gedanken des Sprechers eindrucksvoll wiedergibt. Klopstock verwendet viele Metaphern und Symbole, um die metaphysischen und spirituellen Aspekte des Gedichts zu verdeutlichen. So vergleicht er zum Beispiel den Tod mit einem stillen Eingang zu den Unsterblichen, den Himmel mit einer erdfernen Pforte und die Ewigkeit mit einem Schauplatz. Er personifiziert auch die Gottheit als eine Richterin, die das Urteil der Tugend spricht, und die Stimme Salems als einen Engel, der den Verstorbenen begrüßt. Er spielt auch mit verschiedenen literarischen Anspielungen, wie zum Beispiel auf die Bibel, die klassische Mythologie und die englische Literatur. Er erwähnt zum Beispiel Adam und Eva, die Engel, den Thron Gottes, Christus, die Heilige Schale und die Dichter Addison, Milton und Pope. Das Gedicht ist in 28 Strophen gegliedert, die jeweils aus vier Versen bestehen. Die Verse sind meist im Jambus gehalten und weisen eine unregelmäßige Betonung auf. Das Gedicht folgt keinem festen Reimschema, sondern verwendet verschiedene Reimformen, wie zum Beispiel Paarreime, Kreuzreime und umarmende Reime. Das Gedicht hat einen wechselnden Rhythmus und eine dynamische Klanggestaltung, die die emotionale Intensität und die dramatischen Wendungen des Gedichts unterstreichen. Das Gedicht beginnt mit einer ruhigen und erhabenen Stimmung, die sich im Laufe des Gedichts zu einer leidenschaftlichen und fiebrigen steigert. Das Gedicht endet mit einer friedlichen und tröstlichen Stimmung, die die Hoffnung auf ein Wiedersehen im Himmel ausdrückt.
Schlüsselwörter
Wortwolke

Stilmittel
- Alliteration
- Heil mir! mein Herz glüht, feurig und ungestüm
- Anapher
- Wenn du dann lächelnd näher dir hören wirst / Die Stimme Salems, welcher dein Engel war
- Anspielung
- Den Sänger Adams neben Adam, / Neben ihm Eva mit Palmenkränzen
- Apostrophe
- O meine Fanny
- Bildsprache
- Die ewig junge Seele / Fließet von Göttergedanken über
- Enjambement
- Wenn du entschlafend über dir sehen wirst / Den stillen Eingang zu den Unsterblichen
- Hyperbel
- Mehr, als mein Blick sagt, hat dich mein Herz geliebt
- Kontrast
- Die erste floß uns frey und lächelnd, / Jugendlich hin, doch die letzte weint' ich!
- Metapher
- Den stillen Eingang zu den Unsterblichen
- Parallelismus
- Von jener Ruh der frommen Tugend, / Fließe dein göttliches Herz dir über!
- Personifikation
- Die Donnerrede deß, der Entscheidung dir
- Rhetorische Frage
- Wie wirst du deines todten Freundes / Dich in der ernsteren Stund' erinnern?
- Symbolik
- Eine goldne, / Heilige Schale voll Christenthränen
- Vergleich
- Wie Wetter, die sich langsam fortziehn
- Übertreibung
- Gelebt hat keiner, der dich also / Segnete, keiner wird so dich segnen