Der Abschied

Georg Ludwig Weerth

1822

Meine alte, gute Mutter, Die nähte die halbe Nacht; Sie hat mir aus feinem Linnen Ein feines Hemd gemacht.

Meine wunderschöne Schwester, Die hat einen freien Sinn; Die stickte mit stolzer Seide Meinen stolzen Namen darin.

Und morgens, um halber viere, Da hat der Hahn gekräht; Nun schnüre seinen Ranzen, Wer auf die Reise geht!

Und morgens, um halber fünfe, Da hab ich meinen Vater geweckt; Der hat drei rostige Kronen In meinen Sack gesteckt.

Wir standen unter der Linde, Da ward mein Herz so schwer; Meine treue Mutter meinte, Sie sähe mich nimmermehr.

Mein Vater ward so stille, Meine Schwester schluchzte darauf - Da ging in den Weizenfeldern Die goldene Sonne auf.

Und vor den Toren klang es: “Ade, du dumpfige Stadt! Nun freue sich, wer ein freies, Ein lustiges Leben hat!”

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Illustration zu Der Abschied

Interpretation

Das Gedicht "Der Abschied" von Georg Ludwig Weerth erzählt von einem jungen Mann, der sich von seiner Familie verabschiedet, um eine Reise anzutreten. Die Stimmung ist geprägt von einer Mischung aus Zuneigung, Stolz und Melancholie. Die Mutter näht ihm ein Hemd aus feinem Leinen, was ihre Fürsorge und Liebe symbolisiert. Die Schwester stickt seinen Namen mit stolzer Seide, was ihre Bewunderung und den Stolz auf ihn ausdrückt. Der Vater gibt ihm drei rostige Kronen, was auf die bescheidenen Mittel der Familie hindeutet, aber auch auf seine Unterstützung und seinen Wunsch nach dem Wohl des Sohnes. Die Verabschiedungsszene unter der Linde ist besonders bewegend. Das Herz des jungen Mannes wird schwer, als er die Sorge seiner Mutter spürt, die glaubt, ihn nie wiederzusehen. Der Vater wird still, und die Schwester weint, was die emotionale Last des Abschieds unterstreicht. Doch als die goldene Sonne über den Weizenfeldern aufgeht, symbolisiert dies Hoffnung und einen Neuanfang. Der Abschied von der "dumpfigen Stadt" und der Ausruf "Ade" markieren den Übergang in ein freieres und lustigeres Leben, das der junge Mann nun erwartet. Das Gedicht vermittelt die bittersüße Natur von Abschieden, bei denen Liebe und Sorge mit der Vorfreude auf neue Erfahrungen einhergehen. Die detaillierten Beschreibungen der Geschenke und der emotionalen Verabschiedungsszene schaffen eine lebendige und berührende Atmosphäre, die den Leser tief in die Gefühle des Protagonisten eintauchen lässt.

Schlüsselwörter

mutter schwester morgens halber vater ward alte gute

Wortwolke

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Stilmittel

Bildsprache
Da ging in den Weizenfeldern / Die goldene Sonne auf.
Kontrast
Meine treue Mutter meinte, / Sie sähe mich nimmermehr.
Metapher
Der hat drei rostige Kronen / In meinen Sack gesteckt.
Personifikation
Mein Vater ward so stille, / Meine Schwester schluchzte darauf
Symbolik
Und vor den Toren klang es: / 'Ade, du dumpfige Stadt!'