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Der Abgrund

Von

Pascal sah, wo er ging, des Abgrunds Spalt.
Abgrund ist alles uns, Tat, Traum, Verlangen;
Wie oft hob sich mein Haar in starrem Bangen,
Durchschauerte mich Grauen eisig kalt!

In Höh′n und Tiefen, wo kein Ton mehr hallt,
In Ländern, furchtbar und doch voller Prangen,
Ist Gottes Hand durch meinen Schlaf gegangen,
Ein Schreckbild malend, grausam, vielgestalt.

Ich fürchte mich vorm Schlaf, dein schwarzen Tor,
Das Unheil birgt, wenn man den Weg verlor:
Die Ewigkeit blickt starr durch alle Scheiben.

Mein Geist, hintaumelnd an des Wahnsinns Sumpf,
Beneidet, was da fühllos, kalt und stumpf.
– Ach, immer bei den Zahlen, Dingen bleiben!

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Gedicht: Der Abgrund von Charles-Pierre Baudelaire

Kurze Interpretation des Gedichts

Das Gedicht „Der Abgrund“ von Charles Baudelaire thematisiert in eindringlicher Weise die allgegenwärtige Präsenz des Abgrunds und des Grauens im menschlichen Leben. Es beginnt mit dem Zitat Pascals, das die allgemeine Erfahrung des Abgrunds hervorhebt, und erweitert diese auf alle Aspekte des menschlichen Daseins: Taten, Träume und Verlangen. Das lyrische Ich ist von einer tiefen Furcht ergriffen, die sich in körperlichen Symptomen wie dem erstarrenden Haar und eisiger Kälte äußert, was die Intensität der Angst verdeutlicht.

In den folgenden Strophen wird die Vorstellung des Abgrunds weiter ausdifferenziert. Er manifestiert sich in verschiedenen Dimensionen, sowohl in den Höhen als auch in den Tiefen, in „furchtbaren und doch voller Prangen“ Ländern. Die Erwähnung „Gottes Hand“ im Kontext von „Schreckbildern“ wirft Fragen nach dem Verhältnis von göttlicher Macht und menschlichem Leid auf. Baudelaire deutet an, dass das Grauen eine tiefgreifende, vielleicht sogar göttliche oder zumindest unabwendbare Komponente des menschlichen Lebens ist. Das Ich ist einem Zustand tiefster Verunsicherung und existentieller Angst ausgeliefert.

Der zweite Teil des Gedichts konzentriert sich auf die Furcht vor dem Schlaf, der als „schwarzes Tor“ zum Unheil gesehen wird. Diese Angst vor dem Schlaf symbolisiert die Angst vor der Unkontrollierbarkeit des Unterbewusstseins und des Verlusts der Orientierung. Die „Ewigkeit“, die durch die „Scheiben“ blickt, suggeriert eine allgegenwärtige und unerbittliche Zeit, die das menschliche Leid in einen größeren kosmischen Kontext einbettet. Die Strophen verdeutlichen die Qual des lyrischen Ichs angesichts des Unbekannten, des Unbewussten und des Unvermeidlichen.

Das Gedicht endet mit einem Ausdruck der Verzweiflung und dem Wunsch nach Loslösung vom Wahnsinn, dargestellt durch das Bild eines „Wahnsinns Sumpf“. Der Wunsch, den „Zahlen, Dingen“ zu verharren, offenbart eine Sehnsucht nach Beständigkeit, Ordnung und der Sicherheit der realen Welt, weg von den unheimlichen Abgründen, die das lyrische Ich so sehr ängstigen. Diese abschließende Aussage unterstreicht die menschliche Suche nach Trost und Geborgenheit inmitten der Erfahrung von Angst, Verzweiflung und der Unvermeidlichkeit des Abgrunds.

Weitere Informationen

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Lizenz und Verwendung

Dieses Gedicht fällt unter die „public domain“ oder Gemeinfreiheit. Gemeinfreiheit bedeutet, dass ein Werk nicht (mehr) durch Urheberrechte geschützt ist und daher von allen ohne Erlaubnis des Urhebers frei genutzt, vervielfältigt und verbreitet werden darf. Sie tritt meist nach Ablauf der gesetzlichen Schutzfrist ein, z. B. 70 Jahre nach dem Tod des Autors. Weitere Informationen dazu finden sich hier.