Der Abendstern
1893Alle Freud′ und Trauer, o du holdselig Wesen, so voll züchtigen Lichts und süßer Keuscher Klarheit, wohnet in dir, im sanften Sterne der Liebe.
Schön warst du, wenn einsam der Dichter oftmals Seines Baches Erlen entlang im Thale, Ach mit düstrem Sinnen und namenloser Sehnsucht gewandelt.
Schön warst du, als endlich dies Herz gestillt war, Als ein Auge, schwarz wie des Himmels lautre Tiefe Nacht, aufblickte mit mir zum lieben Sterne der Liebe!
Schön warst du, als träumend mit großen Menschen Großen Freunden, schwärmend in Vorgefühlen Künft′gen Ruhms, das Auge voll Gluth in deinem Strahle sich kühlte.
Schön warst du, als endlich mein Schicksal nahte. Als ich mehr verlor, denn ein Mensch gewinnen Kann, kehrt′ oft wehmüthig zurück im stillen Sterne die Liebe.
Doch am schönsten dünkst du mir wohl vor Allem Wenn ich oft im Schmerz und der Trauer meiner Einsamkeit, in Schutt und in Säulentempeln Heimathlich wandle,
Und zumal dein freundliches Licht des schwarzen Colosseums Schauern, wie eine Seele Ihrem Grab am Tag des Gerichts, entstrahlt, o Stern du der Liebe.
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Interpretation
Das Gedicht "Der Abendstern" von Wilhelm Friedrich Waiblinger beschreibt die Schönheit und Bedeutung des Abendsterns in verschiedenen Lebenssituationen des lyrischen Ichs. Der Abendstern wird als Symbol der Liebe und Sehnsucht dargestellt, das in verschiedenen emotionalen Zuständen des Dichters eine besondere Rolle spielt. Das Gedicht beginnt mit der Beschreibung des Abendsterns als ein Wesen, das alle Freuden und Trauer in sich birgt. Es wird als sanfter Stern der Liebe charakterisiert, der voller "züchtigen Lichts und süßer Keuscher Klarheit" ist. Der Dichter erinnert sich an Momente, in denen er einsam durch das Tal wanderte und den Abendstern betrachtete, sowie an Zeiten, in denen er ihn mit einem geliebten Menschen teilte. Im weiteren Verlauf des Gedichts wird die Schönheit des Abendsterns in verschiedenen Lebensphasen des Dichters thematisiert. Es wird beschrieben, wie er den Stern mit Freunden und in Zeiten des Erfolgs betrachtete, aber auch in Momenten des Verlustes und der Trauer. Der Abendstern wird als ständiger Begleiter dargestellt, der in allen Höhen und Tiefen des Lebens anwesend ist. Das Gedicht endet mit der Aussage, dass der Abendstern dem Dichter besonders schön erscheint, wenn er inmitten von Schmerz und Trauer durch die Einsamkeit wandelt. Die Beschreibung des Abendsterns, der das Kolosseum erhellt, symbolisiert die Hoffnung und Schönheit, die selbst in den dunkelsten Momenten des Lebens vorhanden sein können.
Schlüsselwörter
Wortwolke

Stilmittel
- Bildsprache
- Wenn ich oft im Schmerz und der Trauer meiner Einsamkeit, in Schutt und in Säulentempeln Heimathlich wandle
- Hyperbel
- Als ich mehr verlor, denn ein Mensch gewinnen kann
- Metapher
- Du holdselig Wesen, so voll züchtigen Lichts und süßer Keuscher Klarheit
- Personifikation
- Schön warst du, wenn einsam der Dichter oftmals Seines Baches Erlen entlang im Thale, Ach mit düsterem Sinnen und namenloser Sehnsucht gewandelt
- Vergleich
- Schön warst du, als endlich dieses Herz gestillt war, Als ein Auge, schwarz wie des Himmels lautre Tiefe Nacht, aufblickte mit mir zum lieben Sterne der Liebe