Der Abendstern
1760De bisch au wieder zitli do und laufsch der Sunne weidli no, du liebe, schönen Obestern! Was gilt’s, de hättsch di Schmützli gern! Er trippelt ihre Spure no, und cha si doch nit übercho. Von alle Sterne groß und chlei isch er der liebst, und er ellei; si Brüderli der Morgestern, si het en nit ums halb so gern; und wo sie wandlet us und i, se meint sie, müeß er um sie si. Früeih, wenn sie hinterm Morgerot wohl ob em Schwarzwald ufe goht, sie führt ihr Bübli an der Hand, sie zeigt em Berg und Strom und Land, sie seit: “Tue gmach, ’s pressiert nit so! Di Gumpe wird der bald vergoh.” Er schwezt und frogt sie das und deis, sie git em Bricht, so guet sie ’s weiß. Er seit: “O Mutter, lueg doch au, do unte glänzt’s im Morgetau so schön wie in dim Himmelssaal!” “He”, seit sie, “drum isch’s ’s Wiesetal.” Sie frogt en: “Hesch bald alles gseh? Jez gangi, und wart nümme meh.” Druf springt er ihrer Hand dervo, und mengem wiiße Wülkli no; do, wenn er meint, jez han i di, verschwunden isch’s, weiß Gott, wohi. Druf, wie si Mutter höcher stoht, und alsgmach gegenem Rhistrom goht, se rüeft sie ’m: “Chumm und fall nit do!” Sie führt en fest am Händli no: “De chönntsch verlösche, handumcher. Nimm, was mer’s für e Chummer wär!” Doch, wo sie überm Elsis stoht, und alsgmach ehnen abe goht, wird nootno ’s Büebli müed und still, ’s weiß nümme, was es mache will; ’s will nümme goh, und will nit goh, ’s frogt hundertmol: “Wie wit isch’s no?” Druf, wie sie ob de Berge stoht, und tiefer sinkt ins Oberot, und er afange matt und müed im rote Schimmer d’Heimet sieht, se loßt er sie am Fürtuch goh, und zottlet alsgmach hinte no. In d’Heimet wandle Herd und Hirt, der Vogel sizt, der Chäfer schwirt; und ’s Heimli betet dört und do si luten Obesege scho. Jez, denkt er, hani hochi Zit; Gott Lob und Dank, ’s isch nümme wit. Und sichtber, wiener nöcher chunnt, umstrahlt si au si Gsichtli rund. Drum stoht si Mutter vorem Hus: “Chumm, weidli chumm, du chleini Muus!” Jez sinkt er freudig niederwärts - jez isch’s em wohl am Muetterherz. Schlof wohl, du schönen Obestern! ’s isch wohr, mer hen di alli gern. Er luegt in d’Welt so lieb und gut, und bschaut en eis mit schwerem Mut, und isch me müed, und het e Schmerz, mit stillem Friede füllt er’s Herz. Die anderen im Strahlegwand, he frili jo, sin au scharmant. O lueg, wie ’s flimmert wit und breit in Lieb und Freud und Einigkeit! ’s macht kein em andere ’s Lebe schwer, wenn’s doch do nieden au so wär! Es chunnt e chüeli Obeluft, und an de Halme hangt der Duft. Denkwohl, mer göhn jez au alsgmach im stille Frieden unters Dach! Gang, Liseli, zünd ’s Ämpli a! Mach kei so große Dochte dra!
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Interpretation
Das Gedicht "Der Abendstern" von Johann Peter Hebel erzählt von der Beziehung zwischen der Mutter und ihrem Kind, dargestellt durch die Figur des Abendsterns. Der Abendstern, der als liebevolle Mutterfigur dargestellt wird, begleitet ihr Kind, den Morgenstern, auf einem Spaziergang durch die Natur. Sie zeigt ihm die Welt, erklärt ihm die Dinge und tröstet ihn, wenn er müde wird. Die Mutter ist geduldig und verständnisvoll, auch wenn das Kind viele Fragen stellt und manchmal ungeduldig ist. Die Reise der Mutter und des Kindes durch die Landschaft symbolisiert das Leben und die Erziehung. Die Mutter führt das Kind behutsam an die Hand und zeigt ihm die Schönheit der Welt, wie Berge, Flüsse und Täler. Sie ermutigt es, geduldig zu sein und die Dinge zu genießen. Das Kind ist neugierig und bewundert die Welt, aber es wird auch müde und möchte nach Hause. Die Mutter tröstet es und versichert ihm, dass sie bald zu Hause sein werden. Das Gedicht endet mit der Ankunft zu Hause, wo die Familie und die Tiere sich auf die Nacht vorbereiten. Die Mutter und das Kind sind glücklich und zufrieden. Der Abendstern, der die Mutter symbolisiert, blickt auf die Welt mit Liebe und Zufriedenheit. Das Gedicht vermittelt eine Botschaft der Liebe, Fürsorge und des Zusammenhalts in der Familie.
Schlüsselwörter
Wortwolke

Stilmittel
- Alliteration
- Früeih, wenn sie hinterm Morgerot wohl ob em Schwarzwald ufe goht
- Hyperbel
- und will nit goh, 's frogt hundertmol: 'Wie wit isch's no?'
- Kontrast
- Die anderen im Strahlegwand, he frili jo, sin au scharmant. O lueg, wie 's flimmert wit und breit in Lieb und Freud und Einigkeit! 's macht kein em andere 's Lebe schwer, wenn's doch do nieden au so wär!
- Metapher
- De bisch au wieder zitli do und laufsch der Sunne weidli no, du liebe, schönen Obestern!
- Personifikation
- Von alle Sterne groß und chlei isch er der liebst, und er ellei
- Symbolik
- Gottes Lob und Dank, 's isch nümme wit
- Vergleich
- so schön wie in dim Himmelssaal