Der Abend sinkt

Detlev von Liliencron

1909

Ich sehne mich, am Schluß der Dissonanzen, Die auch den sommerhellsten Tag verschneien, Nach frohen Stunden endlich, bürdefreien, Um hinter guten Wein mich zu verschanzen.

Nach Witz und freiem Wort, statt Schild und Lanzen, Nach warmen Schüsseln, Firlefanzereien, Nach schönen Frauen, Liedern und Schalmeien, Nach Tänzerinnen, die Fandango tanzen.

Auf Polstern liegend mit dem Nargileh, Vertreib ich, wie die Hummeln aus dem Klee, Mit blauem Rauch die letzten Sorgensummer.

Im Garten draußen heult, ganz ohne Kummer, Der Sturm und stemmt den ungeschlachten Nacken An meine Klause, daß die Pfosten knacken.

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Illustration zu Der Abend sinkt

Interpretation

Das Gedicht "Der Abend sinkt" von Detlev von Liliencron thematisiert das Verlangen des lyrischen Ichs nach einem beschaulichen und sorgenfreien Abend nach einem anstrengenden Tag. Die "Dissonanzen" des Tages werden als "Schnee" beschrieben, der selbst den "sommerhellsten Tag" verdunkelt und somit die Mühen und Sorgen des Alltags symbolisiert. Das Ich sehnt sich nach "frohen Stunden" und "bürdefreien" Zeiten, um sich schließlich "hinter guten Wein" zu verschanzen und die Lasten des Tages hinter sich zu lassen. Die Sehnsucht erstreckt sich auf verschiedene sinnliche Genüsse wie "Witz und freies Wort", "warme Schüsseln", "schöne Frauen", "Lieder und Schalmeien" sowie "Tänzerinnen, die Fandango tanzen". Diese Aufzählung vermittelt das Bild einer ausgelassenen, mediterranen Lebensfreude, die im Kontrast zu den zuvor beschriebenen "Dissonanzen" steht. Das lyrische Ich imaginiert sich auf "Polstern liegend" mit einer Wasserpfeife ("Nargileh") und vertreibt mit "blauem Rauch" die "letzten Sorgensummer", was einen Zustand der Entspannung und des Genusses suggeriert. Im letzten Vers des Gedichts wird dieser Zustand der Ruhe jedoch gestört. Der "Sturm" heult "ganz ohne Kummer" und stemmt seinen "ungeschlachten Nacken" gegen die "Klause" des Ichs, sodass die "Pfosten knacken". Diese plötzliche Wendung könnte als Metapher für die Unausweichlichkeit der Probleme und Sorgen verstanden werden, die selbst in den Momenten der Entspannung und des Genusses wiederkehren und das Ich einholen.

Schlüsselwörter

sehne schluß dissonanzen sommerhellsten tag verschneien frohen stunden

Wortwolke

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Stilmittel

Alliteration
Polstern liegend mit dem Nargileh
Anapher
Nach Witz und freiem Wort, statt Schild und Lanzen
Bildsprache
Nach warmen Schüsseln, Firlefanzereien
Enjambement
Mit blauem Rauch die letzten Sorgensummer
Hyperbel
Daß auch den sommerhellsten Tag verschneien
Kontrast
Ich sehne mich, am Schluß der Dissonanzen ... Nach frohen Stunden endlich, bürdefreien
Metapher
Der Abend sinkt
Personifikation
Der Sturm ... stemmt den ungeschlachten Nacken
Reimschema
AABB
Symbolik
Blauer Rauch